Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- Seite 538 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 538. Israelitische Wochenschrift. Nr. 34. vember 1898. Sie ist allerdings seither journalistisch verschönert, der tumultuarische Widerspruch der streng orthodoxen Zuhörer ist erst in den seither verflossenen Monaten erhoben worden. Auch war nach der Notiz vom 27. November 1898 das Urteil schon gesprochen, und zwar angeblich wörtlich mit folgendem Tenor: „daß die Kreuzigung Jesu von Nazareth durch das jüdische Volk und seine Obrigkeit ein Justizmord des Gesalbten Gottes gewesen ist", während nach der Notiz der „Neuen Freien Presse" von Anfang August 1899 die Revision erst vorgenommen werden sollte. Mir scheint, wie bei der Bedeutung der beiden Blätter nicht anders zu erwarten, das feinere journalistische Verständnis bei dem Wiener Blatte zu liegen. Denkt man sich Derartiges in der Zukunst, so ist der Phantasie des Lesers der weiteste Spielraum gelassen, und er kann sich etwas Großartiges dabei vorstellen. Hat das welterschütternde Ereignis aber stattgesunden, ohne das Jemand etwas davon weiß, so ist die Sache zu ärmlich. Ob die Notiz ihre erste Quelle in der Erfindung eines antisemitischen Satirikers hat, der die Dreyfus'sche Revisionsbewegung persiflieren wollte, oder ob sie von einem ausführenden oder genasführten Judenmissionär herrührt - sie widerspricht durchaus jüdischen Gedankenkreisen und Traditionen. Sie hat als notwendige Voraussetzung, daß Jesus nach jüdischer Tradition vom Sanhedrion verurteilt und mit Recht verurteilt sei. Diese Voraussetzung ist aber durchaus irrig. Nach jüdischer Tradition waren nicht nur Silbersteins nicht dabei — um mit den hübschen Worten Viktor Blüthgens zu sprechen — sondern die Juden waren ihrer Meinung nach überhaupt nicht dabei. Die zeitgenössischen jüdischen Schriften kennen Christus überhaupt nicht, wie übrigens auch die zeitgenössischen römischen Schriftsteller, Nachdem die Frage, ob die Juden Christus gekreuzigt, durch die Autos da Fe brenzlich geworden war, wiesen jüdische Rabbiner aus das widerspruchsvolle Verhalten der Christen hin, die Juden für etwas verantwortlich zu machen und zu verfolgen, was doch ihrer Meinung nach in den Plänen der Vorsehung gelegen und zur Gründung ihrer Religion geführt habe. Mit dem Auskommen der philologischen und historischen Kritik gewann die Frage: haben die Juden Christus gekreuzigt? neues Interesse; besonders der verstorbene Rabbiner Philippson hat über die Frage eine sehr lesenswerte Schrift versaßt. Aus der Art der Hinrichtung (der römischen, in Judäa unbekannten Kreuzigung) und anderen Momenten wird nachgewiesen, daß, wie sonst auch die in dem Evangelium mitgeteilten Thatsachen sich verhalten mögen, die^Juden mit der Kreuzigung Christi nichts zu thun hatten, man vielmehr in der Hereinziehung der Juden Interpolationen der judenfeindlichen Heidenchristen zu sehen habe. Sicher ist jedenfalls, daß in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung das Verhältnis von Christen und Juden nicht schlecht war, eine Thatsache, die sich mit der Erzählung der Evangelien in ihrer jetzt vorliegenden Form schwer vereinbaren läßt. Die Juden sind bei der Frage in einer heiklen Lage. Sie ist selbst jetzt nicht lediglich platonisch und nicht ohne eine gewisse politische Bedeutung, oder wenigstens eine Etikette und Agitationsmittel für reaktionäre Bestrebungen. Andererseits läßt sie sich schwer behandeln, ohne daß man von jüdischer Seite sich der Gefahr aussetzt, zu verletzen. Ich begnüge mich deshalb mit diesen Andeutungen, aus denen hervorgehen dürste, daß die angeblichen Verhandlungen der Revisionisten in ihrem Gedankengang unjüdisch sind und den Stempel christlicher Tradition tragen. Die jüdische Auffassung geht, wie gesagt, nicht dahin, daß Christus zu Recht verurteilt sei, sondern daß es sich hier um Ereignisse handle, die der quellenmäßigen historischen Aufklärung noch dringend bedürfen. Hochachtungsvoll Dr. Heinrich Cohn-Berlin. SprechsacrU Berlin, am 21. August 1899. Geehrter Herr Redakteur! Sie wünschen von mir einen authentischen Bericht über die Audienz, zu welcher der Großherzog von Baden am 25. vorigen Monats in St. Moritz mich befohlen hatte. Indem ich alle Details über die huldvolle Ehrung, welche ich hierbei persönlich erfahren habe, übergehe, will ich nur dasjenige zur Darstellung bringen, welches allgemeines Interesse hat. Am 19. vorigen Monats hatte ich dem Großherzog bei dessen Anwesenheit in St. Moritz mein Buch: „Geschichte der Juden in Rom" eingesandt „dem Fürsten, dem so viele Herzen im deutschen Vaterlande voller Liebe entgegenschlagen". Am 24. Abends ließ mir der Geheime Legationsrat Babo melden, daß Seine Königliche Hoheit der Großherzog mich am folgenden Tage um 12 Vs Uhr in besonderer Audienz zu empfangen wünsche. Der hohe Herr empfing mich zur festgestellten Stunde mit freundlichen Dankesworten für mein Buch und lud mich sofort zum Sitzen ein. Er ließ sich hieraus die Quellen näher angeben, aus denen ich die Materialien für mein Geschichtswerk gewonnen habe. Dann ging er zu Georg Ebers' Forschungen über, indem er mir seine persönliche Bekanntschaft mit dem Verfasser schilderte. Hieraus fragte er mich nach meinen Personalien, nach dem Rabbiner-Seminar, an welchem ich seit 25 Jahren lehre und ließ sich von den bisher erzielten Resultaten dieses Institutes unterrichten. Ganz außer dem Zusammenhang fing er hierauf an, von der zionistischen Bewegung zu sprechen, „die Sie sicher kennen, wie auch den Führer derselben, Dr. Herzl, ein edler Mann, der ohne alle Selbstsucht, aus den reinsten Motiven, an die Spitze dieser Bewegung sich gestellt hat. Sie wird ja allerdings noch viel verbessert werden müssen; sie bedarf daher einer kräftigen Unterstützung — und sie ist auch derselben wert —, damit sie in die richtigen Wege gelenkt werde. Leider hat man in Konstantinopel noch nicht das rechte Verständnis hierfür; hoffen wir aber, daß dorthin bald mehr Licht dringen werde. Sie mißverstehen mich nicht, Herr Doktor; für unsere deutschen Juden braucht man keine Zufluchtsstätte zu schaffen. Aber dort im Osten und Norden, wo nicht Ihre Glaubensgenossen allein, sondern auch evangelische Christen in bedrängter Lage sich befinden.