Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- Seite 537 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34. Israelitische Wochenschrift. Seite 637. im Saale ohne vorherige Mitteilung an den Präsidenten verteilt würden. Dies dürfe nicht wieder Vorkommen. Ueber das Thema „jüdische Kultursragen" erstattet sodann Dr. Kahn-Wien Bericht. Er erwähnte zuerst die Erörterungen, die über dieses Thema in der Kultur-Kommission gepflogen wurden. Die „Kulturfrage" habe solch starke Gegensätze verursacht, die Geister der verschiedenen religiösen Parteischattierungen seien so sehr aufeinander geplatzt, daß wir beschließen mußten, die „Kulturfrage" von der Tagesordnung abzusetzen. Namentlich wird uns von Seite der orthodoxen Richtung noch sehr viel Mißtrauen entgegengebracht, weil sie eben nicht genügend über unsere Ziele aufgeklärt ist. Wir müssen auch diese Leute zu gewinnen suchen. Redner giebt sodann eine historische Uebersicht über die jüdische Kultur, die eine große Vergangenheit, eine große Zukunft, aber keine Gegenwart habe. Jetzt können wir nur dafür sorgen, daß unsere Kultur nicht untergehe, indem wir die Pflege der jüdischen Geschichte und Sprache fördern. Wir haben hier alle möglichen Sprachen, nur unsere eigene nicht gehört. In zustimmender, sehr beifällig aufgenommener Rede in hebräischer Sprache spricht sich auch Rabbiner Rejnes aus Rußland aus; Sokolcff-Warschau will mehr praktische Behandlung des Zionismus, allgemeine Kultur, Förderung des Ackerbaus, der ökonomischen Verhältnisse; die Massen müssen auch sowohl menschlich als jüdisch „kulturell" erzogen, unterrichtet werden. Vom Kongresse aus muß die Beeinflussung in diesem Sinne geschehen. Auch über diesen Gegenstand wird unter Protest und Lärm die fünf Minutenzeit beschlossen. In der Schlußsitzung vom 18. August nachmittags verliest der Vorsitzende Dr. Herzl wiederum viele eingelaufene Begrüßungstelegramme, worunter sich auch eine Depesche der jüdischen Tscherkessen des Kaukasus befindet. Zunächst wird zur Wahl des großen Wiener Aktionskomitees geschritten. Als Architekt Marmoreck und Dr. Kahn erklären, eine Wiederwahl nicht aceeptieren zu können, bemerkt Herzl humoristisch: „Wenn alle demissionieren, thue ich es auch!" Dies erregt natürlich die größte Heiterkeit des Hauses. Außer Dr. Herzl, der unter gewaltigem Enthusiasmus und Tücherschwenken wieder zum ersten Präsidenten durch Akklamation nominiert wird, werden auch Dr. Kokesch und Dr. Schnirer wieder ins Aktionskomitee gewählt. Marmorek und Dr. Kahn werden ebenfalls zur Wiederannahme der Wahl genötigt. Alsdann werden auch Vertreter von sämtlichen Landsmannschaften in allen Weltteilen gewählt. Zum Delegierten der Schweiz wird der Baseler Rechtsanwalt Dr. Friedemann ernannt. Die Anträge des Organisationsausschusses verursachen noch eine lange Debatte. Schließlich werden die Anträge des Ausschusses, sowie alle anderweitigen Anträge und Resolutionen genehmigt. Das Auftreten von Davis Trietsch-New-Pork, dem Vertreter des bereits besprochenen „Cypernprojektes", sollte dann noch kurz vor Thorschluß einen Sturm erregen, wie man ihn doch in dieser Heftigkeit im Kongreßsaale noch nicht erlebt hat. Trietsch erklärte, die nahe Zusammenstellung Palästinas und Syriens verriete eine politische Unkenntnis, da der an Palästina stoßende Teil Syriens in christlichen Händen, unter russischer und englischer Autonomie stände, auch in absehbarer Zeit nicht zu erhalten sei. Redner wird bei diesen Worten durch entsetzlichen Lärm und die Rufe „Schluß!" unterbrochen und am Weiterreden verhindert. Dr. Herzl bemerkt aber, daß es zur Ehre dieser Tribüne gehöre, daß man die Redner aussprechen läßt, gleichzeitig Trietsch ermahnend, alles zn vermeiden, was den Kongreß ausreizen könne. Trietsch (fortfahrend): „Wir brauchen ein größeres Palästina, Sie haben es aber in falscher Richtung gesucht-" Jetzt wird der Lärm wieder so gewaltig, daß es dem Redner unmöglich wird, weiterzusprechen. Der Vorsitzende Herzl bemerkt ironisch: „Meine Herren, beruhigen Sie sich doch, Sie sind ja nicht gezwungen, das zu thun, was Herr Trietsch Ihnen vorschlägt." Die Versammlung wird sodann befragt, ob sie die Ausführungen von Trietsch noch weiter anhören wolle, was dieselbe aber mit großer Majorität ablehnt. Unter ironischem Beifall muß Trietsch die Tribüne verlassen. Dr. Herzl: Meine Damen und Herren! Unser dritter Kongreß geht zu Ende. Ich bitte Sie um Entschuldigung, wenn ich in der Hitze der letzten Stunde nicht immer mit der nötigen Objektivität verfahren habe. Den Grund werden Sie gewiß respektabel finden. Wir wollen die Schlußzeit des Kongresses nicht zu weit hinausschieben, es kommt die Zeit, die der Ruhe gewidmet sein soll. Es ist dies wieder ein neuer, wenn auch vielleicht ungeschickter Beweis, daß uns nichts ferner liegt, als das religiöse Gefühl zu verletzen. — Der Enthusiasmus der ersten Zeit hat sich freilich etwas gelegt, desto mehr haben wir gearbeitet. Wir treten eben aus den Jünglingsjahren in ein männliches Alter ein. Wir wissen, daß wir unser Ziel ohne Ruhe und Besonnenheit nicht erreichen können. Unsere Arbeit darf jedoch beim Trennen nicht aushören, sondern muß alle Tage fortgesetzt werden. Wir sind von weit hergekommen, wir gehen wieder weit auseinander. Ich denke besonders an die Delegierten Südafrikas, die den weiten Weg nach Basel nicht gescheut haben. Hoffentlich nehmen sie die nötige Erfrischung mit von dannen. Einiges haben wir gethan, Vieles bleibt noch zu thun übrig. — Doch ich will die Sabbatruhe, die bereits über uns schwebt, nicht weiter stören; ich wünsche nur noch, daß Sie mit neu erworbenen Genossen wiederkehren, um unser Werk zu beendigen. (Minutenlanges Händeklatschen und Hochrufen auf Dr. Herzl.) Der Prozeß gegen Jesus m Nazareth. Die „Frankfurter Zeitung" brachte vor einigen Tagen als Abdruck aus der „Neuen Freien Presse" eine Notiz über eine neuerdings in der Bildung begriffene Gemeinschaft jüdischer junger Männer, die sich Revisionisten nennen und, angeregt durch den Prozeß Dreysus. die Revision des Prozesses erstreben, der seinerzeit dem Propheten Jesus von Nazareth gemacht worden. In dieser Notiz über die „neuerdings" begründete Gemeinschaft begrüße ich einen älteren Bekannten, ich las sie in einer von Pfarrer Lehmann in Schildesche herausgegebenen Zeitschrift: „Der Freiwillige" in der Nummer vom 27. No-