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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-08-11 · 32 (11.8.1899) · p. Seite 511

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
32 (11.8.1899)
Date
1899-08-11
Page
Seite 511 (sequence 24)
Language
German
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Nr 32. Israelitische Wochenschrift. Seite 811. glanzlos ins Weite. Die lachenden Gesichter verschwanden, der Glanz der Kerzen erlosch . . . alles das verschwand nun und verflüchtete und versank um ihn her, weit, immer weiter, nur Eines lebte vor seinem Blick. — Er ist in seiner Vaterstadt ... ein kleines Zimmer taucht vor ihm aus, bescheiden, fast ärmlich, der einzige halbblinde Spiegel mit einem schwarzen Tuche verhangen, eine alte, messingene Lampe mit müde brennendem Licht auf der Erde. — Und daneben auf einem ganz niedrigen Schemel sitzt eine Frau, die langen schwarzgrauen Flechten ausgelöst, schwarz gekleidet, die Füße der Schuhe bar und diese Frau ringt die Hände und murmelt ein Todtengebet — — sie trauert um ein verlorenes Kind . . . Zehntes Kapitel. Ein altes polnisches Sprüchwort sagt: „Wer in dem Manne den Bräutigam sucht, findet in ihm den Teufel". Es dürste nicht allzuviele junge Frauen geben, welche mir bestätigen werden, den Wortlaut obiger Sentenz zu kennen. Die Macht ihrer Wahrheit haben sicher unzählige der Neuvermählten erfahren. Marie Goldmann empfand es bitter, daß der gefügige sanfte Liebhaber, als welcher Max sich in der allerdings sehr kurz bemessenen Zeit ihres Brautstandes gezeigt, sich in einen festen, ganz und gar unlenkbaren Ehemann verwandelt hatte, der trotz aller Rücksichten und Zärtlichkeiten für sein junges Weib bald dem Pantoffel die ihm gebührende Stelle anwies, und dieses Andern so gefährliche Scepter zu irgend welcher Regierungsakte gelangen zu lassen, einen sehr entschiedenen Widerwillen kund gab. Ja, er konnte mitunter recht bestimmt befehlen, der gute Max, und dann halfen keine Gegenreden, nicht einmal Thränen. Marie saß am Nähtisch, auf ihrem Schooß lag die Taille ihres schwarzseidenen Traukleides und allerhand Spitzen und anderer Zierrat, der bestimmt schien, einen baümäßigen Ausputz zu verleihen, die junge Frau mochte wohl etwas recht Aergerliches in ihrem Verschönerungswerk unterbrochen haben, denn ihre Hände bedeckten die Augen, die unaufhaltsam und mitleiderregend weinten. „Warum soll ich denn nun wieder nicht in die Redoute gehen?" schluchzte sie, „ich darf schon kein Vergnüoen haben. Jetzt den letzten Abend absagen zu müssen, das blamiert mich schmählich vor aller Welt". „Du hast meinen ausdrücklichen Wunsch, vom Besuch dieses Kränzchen abzustehen, schon früher gekannt. Es war gestern'und ehegestern reichlich Zeit, abzuschreiben". „Hör' auf zu weinen", fuhr der junge Gatte verdrießlich fort, „nichts reizt mehr zur Ungeduld, als wenn eine Frau bei jedem kleinen Wunsch, der ihr verweigert wird, die Thränendrüsen überschwellen läßt". Sie trocknete hastig die Augen und stichelte nervös an ihrer Arbeit weiter, als harre ihrer eine wunderschöne Belohnung, falls sie noch zur Zeit fertig werde. Nach einer Weile begann sie, mit einer Gehässigkeit in Ton und Blick, die Jemand schwerlich einer jung Verheirateten von nur wenigen Wochen hätte zutrauen mögen. „Ich muß nur zur Hause sitzen, weil Du Dich in der Gesellschaft nicht behagen kannst. Das ist Alles". „Ganz richtig, und das sollte für Dich als braves Weib schon allein hinreichen, den Leuten dort fern zu bleiben". Max begann mit starken Schritten in der Stube umherzugehen, was bei allen Männern ein untrügliches schlecht Wetterzeichen bedeutet. „Ich danke für diese Leute alle mit einander, den Herrn Bürgermeister, den Herrn Baron, den Herrn Steuereinnehmer und wer sonst noch zu dieser Clique im Kasino gehören mag. Diese Krähwinkler! Eine Zeitlang habe ich wirklich an ihr ehrliches Wohlwollen geglaubt, aber jetzt weiß icks besser, ich trau der Art nicht mehr, ins Gesicht die liebe Freundlichkeit und Güte selbst gegen mich, aber ihr Lachen und Gespött hinter meinem Rücken kommt mir alle Tage zu Ohren. Sie halten mich eben nicht für voll, weil ich eine Jude bin". „So tauf Dich", sprach sie hart und kurz. „Marie!" Er war dicht vor sie hingetreten und sah ihr mit zornsprühendem Blick ins Gesicht. „Wenn Du willst, daß ich Dich lieb behalten soll, Marie, hüte Dich, je das Wort zu wiederholen". Sie stand auf und raffte ihre Sachen zusammen und wollte aus dem Zimmer gehen, er hielt sie zurück und die heftig Widerstrebende in seine Arme nehmend, fragte er versöhnlich: „Liegt Dir denn in Wahrheit so unendlich viel daran, dieses Kränzchen zu besuchen?" „Laß mich in Ruh, gab sie unsanft zurück. „Sei wieder lieb, Marie", bat er sanft. „Sieh, ich hätte Dir auch mit dem besten Willen dieses Vergnügen untersagen müssen. Du kannst unmöglich ohne meine Begleitung dort erscheinen, ich aber fahre jetzt über Land und kehre vor Mitternacht kaum zurück, und zweitens und letztens und allerwichtigstens muß ich Dir das Tanzen aufs Allerstt-rngste, ja unwiderruflich jetzt verbieten. Also schmolle Dich nur aus, und zeige mir, wenn ich hineinkomme, ein freundliches Gesicht". Er wartete noch eine Minute, ob sie nicht wie sonst herbeieilen und ihm ihre Lippen zum Abschied bieten würde, da sie ihm aber abgewendet, ohne auch sich nur zu rühren, stehen blieb, ging er unmutig davon. Der letzte seiner Schritte war kaum verhalllt, da schien der jungen Frau ein köstlicher Gedanke auszusteigen. „Ich fahre jetzt über Land und komme vor Mitternacht kaum zurück . . . ." Daran ließ sich anknüpfen. Nein, Marie wollte sich nicht tyrannisieren lassen, und jetzt wollte sie erst recht in die Redoute gehen, Onkel Mucha, ja der würde sich schon bereit finden, sie zu begleiten. Sie hatte dem Baron von Dallwig fest versprochen, auf dem Feste zu erscheinen, und das war ein Grund, ein Hauptgrund sogar, den sie ihrem Manne noch gar nicht gesagt hatte. Dieser Mann! Wie das ihr zuwiderging, über all ihr Treiben und Denken Rechenschaft ablegen zu müssen. Was das doch langweilig war, verheiratet zu sein! * * -X 1

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