Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- Seite 510 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 510. Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. Drinnen war die Lust in Hellen Flammen aufgeschlagen. Man tanzte keine Walzer mehr, der Tropfen polnisch Blut im Oberschlesier regte sich. „Krakowiak! Krakowiak!" schrie es von allen Seiten zu den Musikanten hinauf. Der Kapellmeister, ein blutjunger Geiger, der bei seinem eigenen Spiel mit Armen und Beinen zappelte und tanzte, als ob er der Strauß oder der Keler-Bela selber wäre, stimmte an, feurig fiel das volle Orchester ein, unten fuhr alles wie elektrisiert umher und stürmisch sausten die Paare dahin. Selbst die Alten drehten sich wacker mit. Auch Onkel Mucha tanzte im Schweiße seines Angesichts, er hatte Frau Schmidt umfaßt, und wußte gar zierlich seine dicken umfangreichen Beine zu setzen, dann wieder hopste und sprang er in die Höh' und stampfte den Boden, daß einem schier bange um die alten Bretterdielen werden konnte. Und Onkel Mucha pustete und sang: Mein Mädel heißt Karline, Drum bin ich ihr so gut, gut, gut. Und wenn ich was verdiene, Kauf ich ihr einen Hut. „Guten Abend, Frau Doktor!" Marie, die erschöpft am Arm ihes Tänzers lehnte, wandte sich um. „Ah, Herr Sekretär, das ist schön von Ihnen, daß Sie noch gekommen sind. Dafür sollen Sie auch den nächsten Tanz von mir haben." „Eine Freundlichkeit, der ich leider entsagen muß. Ihr Herr Gemahl läßt Sie dringend bitten, nicht mehr zu tanzen." * „So?" Marie löste sich von der Hand ihres Kavaliers: „Entschuldigen Sie mich, Herr von Dalwig, ich muß zu meinem Mann." Der Baron drehte seinen Schnurrbart und sagte spöttisch: „Wie gehorsam." „Es ist wahr," lachte Marie, „ei, wenn Max mich haben will, soll er mich holen." Hans sah unmutig genug den Davonwirbelnden nach. „Die sängt gut an". Den Krakowiak hatte jetzt der „Straßek" abgelöst. Zur Belehrung und Unterhaltung seiner Leser und lieben Leserinnen, von denen der Chronist wohl nicht mit Unrecht voraussetzen darf, daß der Straßek zu einer ihnen gänzlich unbekannten Gattung choreographischer Kunstleistungen gehöre, mag hier der Versuch einer Beschreibung sothanen Nationaltanzes folgen, das heißt ohne Gewähr für etwaige Nüancen und Variationen, sintemal der Chronist, obgleich nicht Mitglied der ehrsamen Gesellschaft zu Beförderung der Hebung der öffentlichen Sicherheit, Zeit seines Lebens dennoch auf Tanzböden und Festivitäten ein höchst seltener Gast gewesen ist. . . Die Paare hüpfen, sich eng umschlungen haltend, acht Takte lang im Polkaschritt umher, stellen sich dann Mann und Weib vor einander aus, klatschen in die Hände, stampfen mit den Füßen, wohlgemerkt alles nach dem Takte der Musik, heben abwechselnd die rechte und linke Hand auf Schulterhöhe und winken einander zu (daher auch dieser Tanz gemeiniglich der „Winker" genannt wird), fallen zum Schluß einander in die Arme, worauf die erste Figur des Rundtanzes ihren Anfang nimmt. Das ist der „Straßek", zu deutsch „das Gespenst". * Zwei Bauernweiber standen in der Saalthür und blickten dem Feste zu. „Sie sieht gut aus, die Panna Maria", sagte die eine. — „Sehr gut", bestätigte die andere, „und erst ihr Bräutigam, welch hübscher Offizier!" „Was, Offizier? Dumme Gans, ist denn das der Bräutigam? Dort hinten sitzt der Bräutigam, ganz unten, dort der Schwarzkops mit der Brille bei dem dicken Schreiber am Tisch", und leiser setzte sie hinzu: „Denke nur, ein Jude ist's." „Ein Jude . . ." „Ein Jude! Welche Sünde! Heilige Mutter Gottes, ist das ein Liebespaar! Er achtet nicht aus sie, und sie kümmert sich den ganzen Abend nicht um ihn." Der Apotheker, der, wie das so in seiner Natur lag, Augen und Ohren überall hatte, war eben durch den Eingang des Saales geschritten und lauschte dem Gespräche der beiden Frauen, aber er hörte es mit Unsreude. In wenigen Minuten hatte er seine Nichte erreicht. „Marie, mein Hühnchen, Du mußt augenblicklich zu Deinem Mann gehen." „Fällt mir nicht ein, Onkel, er soll zu mir kommen." Herrn Muchas feistes Antlitz spielte ins Bläuliche, seine Lippen zittern vor Zorn. „Unverschämte, Du wirst gehorchen, oder . . ." Mit einem Griff hatte Herr von Dalwig die erhobene Faust des Apothekers wieder in ihre natürliche Lage herabgebracht. „Sind Sie toll, Herr? Schämen Sie sich nicht, eine Dame zu bedrohen?" Schluchzend fiel ihm Onkel Mucha um den Hals. „Dalwig, Barönchen, mein Goldjunge, Du hättest sie doch nicht genommen, Bruderherz, das hilft jetzt alles nichts, sie muß doch zu ihrem Mann gehen." Während Dalwig sich mühsam aus der Umschlingung des Halbtrunkenen zu befreien suchte, war die schlaue Marie schleunigst zu ihrem Gatten geeilt. „Da bin ich, Schatz", ries sie kichernd und legte ihre Arme um seinen Hals. „Nun bleib' ich den ganzen Abend nur bei Dir ..." Max küßte sein Weib und war jetzt von überwallender Zärtlichkeit und toller Lust. Er neckte die hübschen Brautjungfern, die herankamen, foppte seinen Hans und wurde über alle Maßen laut und ausgelassen. Bald bildete sich ein munterer Kreis um ihn, und alles staunte über die ungewöhnliche Heiterkeit des sonst so scheuen, wortkargen Mannes. Als nach einer kleinen Weile Mucha und Dalwig, angezogen von dem Lärm, sich näherten, proponierte ihnen der junge Ehemann lustig eine Wette, sie unter den Tisch zu trinken. Die Champagnerpfropfen knallten, Flasche um Flasche wurde leer und während sein Arm das junge Weib umwand, sein Mund scherzte und krauses, närrisches Zeug, rein zum Totlachen her vorsprudelte, starrten die Augen des Doktors düster und