Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- Seite 509 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. Israelitische Wochenschrift. Seite 609. praktisch für mich. Da wir ja doch von einer kirchlichen Trauung abstehen müssen, weil wir zweierlei Glaubens sind, so ist schwarze Seide zur Ziviltrauung das allerpassendste Kostüm. „Alle Welt findet, nur schwarz sei schön und sein" (ihn überlies ein kleiner Schauder bei diesen Worten, von jeher war ihm alles Düstre in Farbe und Ton gründlich verhaßt, ein winziger Ueberreft der farbenfrohen Orientalennatur, der noch in seiner Seele haftete) „ein schwarzes Kleid paßt für alle Fälle im Leben", fuhr sie beharrlich fort, „glaub' mir, ich werde sehr gut aussehn, einen hübschen Myrthenkranz werde ich auch tragen (sie errötete leicht und schmiegte sich an seine Brust, eigentlich wurde sie selten rot, aber es kleidete sie) und einen langen weißen Schleier, sei unbesorgt um meinen Staat. Liebster, übrigens verstehst Du von solchen Dingen doch nichts", schloß sie scherzend mit einem Kusse. Er hatte sich ihr gefügt, wenn auch mit einem außerordentlichen Gefühle des Unbehagens, jetzt an der Hochzeitstafel saß sie neben ihm, reich geschmückt, hübsch und stattlich anzuschauen, in dem kostbaren schwarzen Seidenkleide, er aber quälte sich im Stillen vergebens zu ergründen, warum ihm ihre Gestalt heut trotzdem so nüchtern und alltäglich schien und in jeder Weise so ganz anders, als ihm die Phantasie sein Bräutchen einstmals vorgezaubert. Was ihn aber am schlimmsten traf, war die Vernichtung eines Wunsches, den er bis zum heutigen Tage sehnsüchtig im letzten Winkel seines Herzens gelegt hatte. Wohl war aus keinen der flehentlichen Briese die er an seine Heimat gerichtet, eine Antwort erfolgt, dennoch konnte er sich immer nicht der brennenden Hoffnung entschlagen, sein Vater oder eine der Schwestern würde seinen dringenden Einladungen Folge leisten und durch ihr Erscheinen an seiner Hochzeit ihm einen Beweis ihrer Versöhnung geben. Darum in dem Lärm, dem Gesang und dem Geschwirr, das ihn umtönte, hatte er nur ein Ohr für die sich öffnende Thür, bei jeder ihrer knarrenden Bewegungen richtete sich erwartungsvoll sein Auge dahin, um sich sofort enttäuscht wieder hinwegzuwenden. Immer düsterer und verdrießlicher blickte er drein, all' diese schwatzenden, lachenden Gesichter ringsum waren ihm fremd, er empfand es bitterer als je, wie sehr er just heut ein blutverwandtes Wesen entbehrte. Und das sollte doch sein Freudentag sein. Seine Augen irrten nach der Gallerie, da oben bei den Musikanten hatten sich allerlei Fremde eingesunden, die neugierig dem Feste zuschauten. Unvermutet entdeckte er doch dort ein wohlbekanntes Gesicht . . . wie kam Lotte Jakob hierher? Es that seinem Blicke wohl, aus ihrem holden Kinderantlitz auszuruhen, das ihm heut ein wenig schmäler und bleicher schien als sonst. Die großen, dunkelgrauen Augen begegneten sanft und traurig den seinen. Da weckte ihn eine Berührung Mariens, die unter dem Tischtuch seine Hand suchte: „Wonach siehst Du so starr, Max?" Er seufzte und konnte ihr keine Antwort geben. Ueberdies mußte jetzt auch einem langen Toast aus das Brautpaar, von Onkel Mucha gesprochen, Stand gehalten werden. Daraus erhob sich wieder der junge Baron von Dalwig, der Ehrengast des Abends, und brachte in wohlgewählten und schöngesetzten Worten einen Trinkspruch aus den Apotheker aus, den großmütigen väterlichen Freund der Neuvermählten. So jagte denn ein Toast den andern, bis zu gar später Stunde die schmausende, zechende Schönrederei ein Ende fand, die Tafel ausgehoben, der Saal gefegt wurde und unter jauchzenden Klängen die Polonaisebegann. Wie dann die Musik zum „Abtanzen" in die lockende Weise eines Walzers hineinspielte, überließ Max willig seine Braut dem schmucken, jungen Baron, der mit ihr davonwirbelte. Er selbst tanzte keine Rundtänze und suchte sich an einem Pfeiler einen stillen Platz, um träumerisch dem Walzer zuzuschauen. Marie wäre eine sichere graziöse Tänzerin. Jede ihrer Bewegungen athmete Anmut und Kraft und dieser Herr von Dalwig, welch' schlanker Kescher Gesell! er hätte viel besser zu ihr gepaßt als ich . . . auf was für närrischen Gedanken ertappte er sich da selbst? Mitten in den rauschenden Klängen des Walzers hörte er wieder die Thür gehen . . . er wandte sich um und erblickte Hans. Mit einem Freudenschrei stürzte er aus ihn zu und warf sich an seine Brust; doch einer von seinen Lieben und der Treueste von allen. „Da haben Sies", flüsterte der Baron von Dalwig Marien zu, „hat ihr Herr Gemahl Sie wohl den ganzen Abend ein einzig Mal so stürmisch ans Herz gedrückt wie den dicken Scholz?" Marie runzelte die Stirn. „Müßt auch gern, was er an ihm hat. An^dem hängt sein Herz wie mit stählernen Ketten, aber nun. ist er wohl ausgehoben und wird mir wenigstens aushören zu murren". Und sie überließ sich jetzt um so eifriger den Freuden des Tanzes. Warum auch nicht? Herr von Dalwig tanzte wie nur ein preußischer^Offizier walzen kann: Schneidig, schön . . . Gleich die erste Mitteilung, welche der Doktor seinem Hans zuraunte, war: „Lotte Jakob ist hier, thu' mir die Liebe und sieh Dich nach ihr um". Hans sprang aus und verließ sofort den Saal. Er brauchte nicht lange zu suchen. Draußen, ganz am Ende des langen, halbdunklen Korridors, an einem Gitterfenster, gewahrte er in einem verstecktem Winkel eine kleine Gestalt. Sie kauerte am Boden und hatte den Kops aus den Sitz einer Bank gelegt, das Gesicht fest aus beide Arme angepreßt, als wollte sie jeden Laut in sich ersticken, nur die heftigen Zuckungen, in denen das zarte Körperchen sich wand und krümmte, zeigten, daß sie litt. Waren das Krämpfe oder Thränen? Das Geräusch starker Schritte schreckte sie aus; sie flüchtete aus eine seitwärts liegende Treppe, die hinaus in den Vorhos leitete; und so eilig sprang die kleine Lotte davon, daß es schier unmöglich wurde, sie einzuholen. Hans dachte auch garnicht daran, sie zu verfolgen. „Armes Ding". Die Stelle war noch heiß, auf der ihr Antlitz mit tausend bitterlichen Thränen sich ausgeweint hatte. „Arme Lotte, liebes gutes Kind, du weiches scheues Menschenherz", — und gedankenschwer kehrte der Sekretär in den Saal zurück.