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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-08-11 · 32 (11.8.1899) · p. Seite 506

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
32 (11.8.1899)
Date
1899-08-11
Page
Seite 506 (sequence 19)
Language
German
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Seite 506. Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. Berlin, 8. August. (Antisemitismus und Rischuß.) Je schlechter es den Antisemiten geht, desto voller nehmen sie den Mund. In ihrer Presse säbeln sie von unermeßlichem Zulaus für ihre Veranstaltungen, und sieht man näher zu, so findet man, daß ihre Buden trotz des jahrmarktmäßigen Trommellärms leer geblieben. So war es in Erfurt, wohin sie sich den Abgeordneten Wolff aus Wien verschrieben hatten, so war es hier in Berlin, wo der Dreschflegelgras Pückler aus Kleintschirne als Zugkraft sich hatte engagieren lassen, so wird es im kommenden Monat aus dem antisemitischen Parteitag in Hamburg sein. Die antisemitische Parteibewegung ist in der That tot und begraben, verfault und verderbt. Sie ist zum Wesentlichen an ihren Führern zu Grunde gegangen, die der Reihe nach zumeist ins Zuchthaus wunderten oder ins Narrenhaus und in ihren durch intellektuelle Mängel vor strafrechtlicher Verfolgung geschützten Mitgliedern zu völliger Verblödung und zum Gespött ihrer eigenen Anhänger herabsanken. Der Antisemitismus freilich besteht fort und wird noch aus absehbare Zeit sein Leben weitersühren, wie er lange vor der Zeit der antisemitischen Bewegung bestanden hat. Damals machte man von ihm nur nicht so viel Aufhebens und nannte ihn „Rischuß", den man als ein Verhängnis teils mitleidig, teils duldsam hinnahm. Der „Rosche" wurde nicht einmal gehaßt. Man begnügte sich, ihn nicht zu lieben, und erwartete im Uebrigen das Strafgericht Gottes, das nicht ausbleiben konnte. Solche „Reschoim" werden die Erinnerung an den Antisemitismus noch lange wach erhalten, auch nach Kräften Böses thun. Doch der große Sturm ist vorüber, und wir werden allmählich daran gehen können, die Schäden auszubessern, die er angerichtet. Sie sind stellenweise schlimm genug; der Segen aber, den der Sturm uns gebracht hat, ist ungleich größer, und dieser Segen, hoffen wir, wird uns bleiben. Er besteht im Wesentlichen darin, daß er viele Juden neu an ihr Judentum erinnert, daß er dem kläglichen religiösen Liberalismus entgegengearbeitet hat. Diese Errungenschaften, die der ^Antisemitismus uns gebracht hat, uns zu wahren, wird'unsere Aufgabe sein. Die Aeußerung, die jüngst der Großherzog von Baden über den Antisemitismus gethan, ist durchaus zutreffend. In anständiger Gesellschaft trifft man jetzt niemanden mehr, der sich zum Antisemitismus bekennt. Köln,^. 6. August. (Israelitisches Kranken- und Altersasyl.) Das Kuratorium des Israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache hat den Bericht herausgegeben, der besagt, ^daß im Jahre 1898 die Zahl der Kranken auf 484 gegen 416, die Zahl ^der Altersschwachen^ aus 39 gegen 37 gestiegen. Die Zahl der Verpflegungstage war 21532. In der Poliklinik der Anstalt wurden 5583 Patienten behandelt. Die Beschränktheit des Raumes zwang, zahlungsfähige Pensionäre überhaupt nicht mehr aufzunehmen. Die Ausgaben des Instituts beliefen sich aus 58348,90 Mark, die bis aus ein Defizit von 7321,36 Mark durch Beiträge, Zinsen rc. gedeckt wurden. Bonn, 5. August. ^(Universitätspreise.) Bei der vorgestrigen Gedenkfeier der hiesigen Universität wurde das Ergebnis der letztjährigen Preisausgaben-Bearbeitung mitgeteilt. In der philosophischen Fakultät erhielt Dr. med. Jakob Rülf, Sohn des Rabbiners Dr. Rüls, den Preis. Auch sonst sind — nach den Namen zu urteilen — Juden unter den Preisträgern. Wien, 6. August. (Vom deutschen Schulverein.) In diesem Blatt ist bereits wiederholt der Gesinnungsverwandtschaft zwischen der Leitung des zumeist von Juden erhaltenen deutschen Schulvereins und dem Antisemitismus gedacht worden. Das „Jüdische Volksblatt" bringt einen neuen Beweis dafür, wie dieser Verein die ihm anvertrauten Gelder der Absicht der Spender entgegen verwendet. Es schreibt: „Der Deutsche Schulverein hat seinen Protektoren, den Deutschradikalen, schon vielfach Gefälligkeiten erwiesen, um sich deren Gunst zu erhalten. Nun hat er neuerdings ein Zeichen seiner aufrichtigen Bekehrung zum antisemitischen Standpunkte gegeben, da ihm dies durch den bekannten Beschluß auf Gründung judenreiner Ortsgruppen noch nicht genügend betont erscheint. In der Verwaltung des Deutschen Schulvereins befindet sich die Singersche Schulstiftung, aus der teils Unterstützungen zu 100 Gulden an bedürftige Lehrer, teils Reisestipendien zu 300 Gulden verliehen werden. Noch niemals erhielt ein Lehrer jüdischen Glaubens aus dieser Stiftung, die durch einen Juden begründet wurde, eine Unterstützung oder ein Stipendium. Mit umsomehr Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit werden antisemitische Größen unter den Wiener Lehrern behandelt. In den vergangenen Jahren erhielten unter anderem der damalige Bürgerschuldirektor Herr Ferdinand Krautmann ein Reisestipendium zu 300 Gulden. Herr Ferdinand Krautmann ist eine in schönererianischen Kreisen wohlbekannte und gern gesehene Persönlichkeit. Lange Jahre Erzieher der Kinder des Gutsherrn von Rosenau, redigierte er auch durch längere Zeit die „Unverfälschten deutschen Worte". Ueber seine antisemitische Gesinnung konnte kein Zweifel sein, umsoweniger, als der Genannte es auch verstanden hat, anpassungsfähig genug zu sein, um unter der christlich-sozialen Aera trotz Luegers be — rühmten Satze Bürgerschuldirektor auf der Landstraße zu werden. Daß es der Herr nicht verschmäht hat, um ein von einem Juden gestiftetes Stipendium einzukommen und es auch zu beziehen, ist bezeichnend genug für die Toleranz des Herrn Krautmann. Ein anderer mit einer solchen Stiftung ausgezeichneter Herr ist der Bürgerschullehrer Andreas Mayer. Man könnte gewiß noch andere christlich-soziale Parteihelden nennen, die vor einigen Jahren um das „Judengeld" einkamen und es erhielten. Es genüge aber der Hinweis aus die Verteilung der in diesem Jahre fälligen Reisestip.'ndien. Es wurden die vier Stipendien zu 300 Gulden an nachstehende Herren verliehen; Bürgerschullehrern I. Omann zum Studium des Zeichenunterrichtes und K. Holler zur Sammlung von Volkssagen für Schulzwecke, ferner den Volksschullehrern I. Tisch und I. Strazanek zum Studium der Lehrer- und Schülerbibliotheken. Unter diesen Herren sind Holler und Strazanek als antisemitische Parteigänger umso bekannter, als sie beide Ausschußmitglieder des „Vereines der Lehrer- und Schulfreunde" sind, eines christlichsozialen Vereines, der besser unter dem Namen „Verein der Streber und Schulseinde" bekannt sein dürste. Es zeigt von hohem Mute und richtiger Erfassung seiner humanen Pflichten, wenn man ungescheut von Juden stammendes Geld dazu

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