Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- Seite 504 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 504. Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. Versuch der Vermittelung hat von den Tagen der Gnostiker bis auf die neuere Zeit nur zu neuen Spaltungen geführt. Das Judentum hat zwar auch die Diskussion, die halachische wie die religionsphilosophische, nie ruhen lassen, aber es hat nie seinen obersten Grundsatz außer Augen gelassen: „nicht die theoretische Diskussion ist die Hauptsache, sondern die Praxis", und daher stets Vermittelung gesucht und auch stets gesunden. Ein seltsamer Autor. Unter der Spitzmarke „das dritte Werk Schem-Hagdolim" schreibt Herr B. Karalunsky-Kowno folgenden interessanten Aussatz im „Hameliz“ (No. 152), dessen Inhalt das Interesse auch der Leser dieses Blattes finden wird. Das erste Werk Schem-Hagdolim (Name der Großen), Gelehrten- und Bücher-Lexikon, hat der Gaon und fruchtbare Schriftsteller Rabbi Ch. I. D. Asulai geschrieben (zum ersten Male Livorno 1774 gedruckt); das zweite Werk (Fortsetzung des ersten), 1864 gedruckt, hatte den Buchhändler Aron Walden zum Urheber, das dritte hat ein Schuster, Moses Markowicz in Rossieny, Gouvernement Kowno, versaßt. Es ist kein Scherz; der Autor, von dem ich spreche, ist wirklich Schuster. Er betreibt dieses Handwerk und lebt davon. Er ist nicht einmal ein „gebildeter" Schuhmacher, wie es deren heutzutage nicht wenige giebt, sondern ein höchst ununterrichteter Mensch, der nicht einmal hebräisch schreiben und lesen kann. Und dennoch hat er es fertig bekommen, ein wertvolles, nützliches Werk zu schaffen, das nach dem Zeugnis vieler unserer Gelehrten den früheren Werken gleicher Art an Vollständigkeit überlegen ist. Unser Schuster hat sein bedeutsames Werk geschaffen, nicht um Kapital daraus zu schlagen, wie andere Autoren pflegen, die allerhand Lappen zu einem Flickwerk zusammentragen, das sie als Vorwand für ihre schnorrende Thätigkeit benutzen, reichen Glaubensgenossen ein Honorar entlockend. Unser Autor, ein gewöhnlicher Handwerker von Kindesbeinen an, findet durch seiner Hände Arbeit seinen Lebensunterhalt und denkt gar nicht daran, daß sein „Höheres", sein Schriftwerk, ihm 'zur milchenden Kuh diene, die ihn mit Butter versorgt. Er will sein Geistesprodukt nicht zur Krone machen, damit zu prunken, und nicht zum Spaten, damit zu graben. Das Buch ist gleich seinen Vorgängern in zwei Teile gegliedert. Der erste nennt die jüdischen Gelehrten, die Zeit ihrer Geburt, ihren Wohnort, alles alphabetisch geordnet, die Daten zuverlässig. Der zweite Teil zählt, ebenfalls in alphabetischer Ordnung, die Bücher auf. Der Fleiß des Verfassers ist schon daran erkennbar, daß er in vielen Punkten seine gelehrten Vorgänger zu ergänzen verstanden hat. Ist es nicht merkwürdig, daß ein Mann, der nicht einmal einen Abschnitt Mischna verstehen kann und sogar des Schreibens unkundig ist, ein Werk verfaßt haben soll, das selbst den jüdischen Geschichtsschreibern belehrendes Material bietet? Ich konnte meiner Verwunderung nicht gebieten und befragte ihn direkt um die Lösung dieses Rätsels: „Wie sind Sie dazu gekommen, das Verzeichnis unserer Gelehrten und Großen vollständig zusammenzustellen, während Sie doch die bloßen Namen ihrer Werke nicht aussprechen können? Und wie haben Sie das reiche Material: zusammengeholt, wenn Sie nicht lesen und schreiben können?" Er gab mir folgendes zur Antwort: „Mein Vater war Schneider, und als er dabet seinen Lebensunterhalt nicht fand, übernahm er eine Molkerei auf einem elenden Dorf. Bei seinem Ableben war ich acht Jahr alt. Mir, dem blutarmen Waisenknaben, bot sich nichts besseres, als Schusterlehrling zu werden. Ich war sechszehn Jahre alt, als ich die Erzählungen und Geschichten unserer Großen lieb gewann und mich von ihnen so sehr erfassen ließ, daß ich begann, von meinem kärglichen Verdienst mir einige Groschen abzusparen und dafür Bücher im Jargon zu erwerben. Ich habe ein starkes Gedächtnis, und alle die Namen der Großen, denen ich in meiner Lektüre begegnete, behielt ich unverwischlich in meiner Erinnerung. Bei der täglichen Arbeit wiederholte ich sinnend alle Namen, und wo ich konnte, zog ich genaue Erkundigungen ein über die einzelnen Persönlichkeiten, und wenn ich Antwort fand, hatte ich große Freude und bewahrte alles in meinem Herzen. Eines Tages traf ich zufällig aus das Werk Schem-Hagdolim von Rabbi Asulai. Da ist mir der Gedanke gekommen, ihm nachzuahmen. Zehn Jahre lang suche und sammle ich, ziehe Erkundigungen ein, wo ich nur vermag, und, Gott sei Dank, mein Wunsch ist mir erfüllt worden. Bin ich selbst leider des Schreibens unkundig, so leistet mein Sohn mir Schreiberdienste. Ihm diktiere ich aus dem Gedächtnis im Jargon, er schreibt es hebräisch nieder". Dabei zeigte er mir ein dickes Buch mit vielen Streichungen und Korrekturen. Diesem Werk, das noch Manuskript ist, sind die beiden früheren Werke Schem-Hagdolim angebogen, damit ein Jeder zu erkennen vermöge, wem Vorzug und Vorrang gebühre. Ich habe viele bedeutende Zusätze und Neuerungen in dem Buch gesunden. Es war mir, als ich das Werk durchblätterte, als hätte ich einen berühmten Literarhistoriker vor mir, der von einer Hochschule Ordination besitzt. Die unkorrekte Sprache aber erinnerte mich, daß kein Ordinierter vor mir stand, sondern ein armer, unwissender Jude, dem der Sohn Schreiber sein muß. Unser Verfasser strebt weder nach Ruhm noch Lohn; einzig aus uneigennütziger Freude an der Sache und „der Well zum Nutzen", wie er selbst betont, hat er sich dieser Mühe unterzogen. Und jetzt wäre seinem Werke eine ideale und materielle Unterstützung durchaus notwendig. Es, muß geordnet und gründlich korrigiert, von Fehlern befreit, die Sprache verbessert, und dann muß es in Druck gelegt werden. Dazu sind erhebliche Mittel nötig, die der arme Schuster nicht aufbringen kann. Er ernährt sich kärglich von seiner Hände Arbeit und ist gleichwohl bereit, sein Werk jedem Verleger unentgeltlich zu übergeben, ohne Honorar für „Zeit und Oel" zu verlangen. Möchten einige Rabbiner, denen das Werk von großer Wichtigkeit ist, sich zusammenthun, um die Mittel zu finden, daß das Werk gedruckt werde, das unsere historische Literatur wesentlich bereichern würde. Wir haben Kapitalisten unter uns, die zu ganz anderen Dingen, auch zu solchen, die das Judentum nicht fördern, Mittel hergeben. Sollten sich unter ihnen nicht auch Edelherzige finden, die einem idealen Unternehmen ihre Unterstützung anbieten möchten?" *