Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 1899 (1899)
- Issue
- Wissenschaftliche Beilage Nr. 8 (8.1899)
- Date
- 1899-08-01
- Page
- Seite 63 (sequence 7)
- Language
- German
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Denn die Religion zeigt seinen Augen im Kopfe — ״beroscho“ — den Aufblick zu Gott und wahre bleibende Seligkeit, die ihn vor Verfinsterung über die Mißgeschicke bewahrt — es ist immer Licht in ihm und um ihn. Der Kesil aber — wie Koheleth — sieht nichts mit seinen Augen; Finsternis ist um ihn her und deshalb auch in ihm. Ist aber dennoch nicht ein und dasselbe Schicksal Beiden auferlegt? — O, ״ich weiß es ebenso", wie Koheleth, daß äußerlich, vom sinnlichen Standpunkte aus betrachtet, sich die Schicksale und Lebenserfahrungen des Weisen oft ebenso gestalten, wie die des Thoren; aber ich nenne dieses nur ״mikreh“, ein äußerliches Begegnis, weil ja äußerlich beide ״mechomer“, stoffliche Wejen sind, daher kann ja auch der Weise sündigen und manchmal wie ein Thor im Finstern gehen. Das ist aber blos ״Zufall", ״mikreh“, nichts Wesentliches. Ben Davids Rat, zur wahren Glückseligkeit zu gelangen, ist demnach: an der Weisheit der Gotteslehre^sestzuhalten. (Fortsetzung folgt.) Die Ptttsterliche Entsagung Israels. Predigt zum zweiten Tage desSchabuotfestes von Rabbiner Dr. B. F r i e d m a n n - Berlin. Andächtige Zuhörer! Eines der großartigsten, ergreifendsten und sinnreichsten Prophetengesichte bildet den Inhalt der gestrigen Haftorah. An den Usern Kebars, aus fremdem, unwirtlichen Boden, in fremdem, ungastlichen Lande, saß kummervoll der Prophet Jecheskel, seinen Blick sehnsuchtsvoll nach der heißgeliebten und so schmerzlich vermißten Heimat gerichtet, denkend und grübelnd über das traurige Geschick seines Volkes, über die bange Zukunft Israels. Und wie er so ausblickt in die Zukunst, die ihm kahl und öde entgegenstarrt, siehe, da erhebt sich ein heftiger Wind, der sich zum Orkan steigert. Mehr und immer mehr verdunkelt sich der Gesichtskreis, bis finstere Nacht den Propheten umsängt. Da durchbricht plötzlich eine zuckende Feuerflamme die dichte Finsternis, und beim Schein dieses Lichtes kommt ein glänzendes Etwas zum Vorschein, das dem edlen'Golderze ähnlich sieht. Da wechselt die Erscheinung: die entfesselten Elemente beruhigen sich, fließen sanft und versöhnt in einander und verdichten sich zu vier Gestalten von Menschenbildung. Und ein Löwengesicht wurde sichtbar zur Rechten der vier, nnd ein Stiergesicht zur Linken der vier, und ein Adlergesicht bei den vieren. Und nachdem die Umrisse dieser Gestalten immer schärfer und klarer hervortraten, sodaß auch ihre einzelnen Gliedmaßen aus dem Dunkel sich heraushüben, da fühlte sich der Prophet von einem Geiste in die Höhe gehoben, und er hörte hinter sich das Getöse eines großen Erdbebens, aus dem hervor die Worte klangen: Gepriesen sei die Herrlichkeit Gottes an ihrer Stätte! Der Sturm, der den Propheten umbrauste, meine Andächtigen, ist derselbe Sturm des Hasses und der Versoli gnng, der seit Jahrtausenden in der Geschichte Israels tobt. Von Zeit zu Zeit verwandelte sich dieser St arm in verzehrende Feuerflammen, denen die Besten und Edelsten in Israel zum Opfer gefallen sind. Aber bei^dieser grellen Beleuchtung kam ein glänzendes Etwas zum Vorschein, das dem edlen Golderze ähnlich sah, das sich zum Geiste verklärte, der die Volksseele Israels in die Höhe hob, hoch hinaus über Erdenjammer und Ecdenschmerz ihn tragend und rufend: ״Gepriesen sei die Herrlichkeit Gottes an ihrer Stätte". Und wißt ihr, wer dieser Geist ist? Es ist der Geist der Entsagung, der Israel zum heiligen Priestervolke machte der es lehrte, daß sich der Mensch über Erdenschmerz und Erdenextase erheben könne. Andächtige Zuhörer! Wer an den Lehren der Geschichte nicht gedankenlos vorübergeht, sondern ihnen ein fühlendes Herz widmet, dem kann es nicht genügen, einfach zu wissen, daß Israel von jeher von den Völkern gehaßt und verfolgt worden ist, der sucht vielmehr diese Thatsache sich zu erklären, der bemüht sich, aus ihren Grund zu dringen. Diese Frage ist um so brennender, als eine falsche Beantwortung geeignet wäre, eine gefährliche Verwirrung im Lager Israels anzurichten. Es ist leider eine traurige Wahrheit, daß auch Söhne und Töchter Israels ihren Glaubensgenossen den Rücken kehren und ihren Verleumdern und Verfolgern sich anschließen, Nicht von den Erbärmlichen unter diesen spreche ich, sondern von denen, die sich durch die Thatsache haben verwirren lassen, daß ihre Glaubensgenossen so beharrlich und so frech von ihren Hassern verleumdet werden. Und da sie in der Religion Israels nicht Bescheid wissen und in der Geschichte ihrer Väter fremd sind, taucht in ihnen der Verdacht aus, daß an den Verleumdungen doch etwas Wahres sein müsse, daß der Haß unserer Widersacher in der moralischen und sittlichen Minderwertigkeit Israels Begründung finden dürste. Und die traurige Folge dieses Verdachtes ist Abfall. Darum ist es gut, daß wir uns diese Frage zur Beantwortung vorlegen, und namentlich das heutige Fest der sinaitischen Gesetzgebung ist hierfür ganz besonders geeignet. Wir können nichts Besseres thun, als zu den Füßen unserer alten Weisen ihren Lehren aufmerksamen Ohres lauschen. Da hören wir sie fragen, weshalb der Berg, auf dem Gott sein Gesetz kundgegeben hatte, den Namen Sinaj trägt, da er in Wahrheit doch Choreb heiße? Und sie ant- Worten: סיני שמשם שנאה יצאה לעולם Er heiße deshalb Sinaj, was an Sinnah, Haß, anktingt, weil er, der der lebendige Quell aller Gotteserkenntnis, aller Moral und Sittlichkeit ist, auch zur Quelle des Hasses der Völker geworden ist. Was Kajtn zum Brudermörder, was Esau zum Totfeinde seines Bruders Jacob, was Josefs Brüder zu heftigen Verfolgern ihres Bruders gemacht hatte — der Neid um den moralischen Vorzug —, das machte auch die Völker zu Feinden Israels. Daß Gott auf Sinaj zu Israel gesprochen: ״Ihr sollt mir sein ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk", das erregte den Neid der Völker und machte sie zu Verfolgern Israels. Allein indem sie das Priesterreich Israels vernichten wollten, haben sie es in das hellste Licht gerückt, daß