Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 1899 (1899)
- Issue
- Wissenschaftliche Beilage Nr. 8 (8.1899)
- Date
- 1899-08-01
- Page
- Seite 64 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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64 es glänzte wie edles Golderz, daß es strahlte wie der Glanz des Himmels; haben sie bestätigt, daß Israel inderthat ein Königreich von opfernden Priestern ist, von Priestern, die nicht zögern, die größten und schwersten Opfer ihrem Gotte zu bringen; haben sie bestätigt, daß Israel ein heiliges Volk ist, das, vom Geiste der Entsagung getragen, durch alle Weltteile ruft: ״Gepriesen sei die Herrlichkeit Gottes an ihrer Stätte!" Andächtige Zuhörer! Es hat Männer gegeben, die aus der wunderbaren Geschichte Israels keine tiefere Lehre zu schöpfen verstanden haben, als den armseligen Satz: ״Das Judentum ist ein Unglück". Diese haben niemals einen tieferen Einblick in die Volksseele Israels gethan. Diese haben keine Ahnung, wie ties in der Volksseele Israels die Psalmworte wurzeln: ״Freudenfülle ist nur vor deinem Antlitze, o Gott, zu finden, Süßigkeiten sind nur an deiner siegreichen Rechten beseligend auszukosten". Diese haben keine Ahnung von der überirdischen Freude, die in der Entsagung des opfernden Priesters liegt; sie haben keine Ahnung, wie die Stürme des Hasses, die an unsere Ahnen heranbrausten, in ihrer Seele sich versöhnten, weil sie das Bewußtsein hatten, an dem Altar Gottes als würdige Priester zu wirken, das Beste und Teuerste ihrem Gott zu opfern und auch — der Menschheit. Denn wer hat mehr zur Veredelung der Menschheit beigetragen als Israel? Hätte Israel nichts mehr der Menschheit geleistet, als daß es ihr die ewigen, unvergänglichen Wahrheiten der Thora überlieferte, als daß es die Existenz eines Gottes lehrte, der Schöpfer und Erhalter des Weltalls, allbarmherzig, allgerecht, allgütig und allliebend ist, der den Menschen zuruft: seid heilig, denn ich, euer Gott, bin heilig darum liebet einander, darum seid gerecht gegen einander darum seid sittlich rein und erhebet euch über alles Niedrige und Unwürdige! — es hätte sich ein Anrecht auf ewige Dankbarkeit seitens der Völker erworben. Daß aber Neid und Haß der Völker diesem Israel, ihrem Lehrer und Meister, ein beispielloses Martyrium auserlegten, und daß Israel alle Qualen ertragen hat, nicht eine kurze Zeit, sondern durch Jahrtausende, daß es seinem Gotte Ströme edelsten Blutes geopfert — das muß auch die Kurzsichtigen überzeugen, daß Israel inderthat ein Königreich von opfernden Priestern und ein heiliges Volk ist. Und das Blut dieser opfernden Priester ist nicht vergebens geflossen. Es hat den Acker der Menschheit befruchtet und die herrliche Pflanze der Humanität großgezogen. Denn bei dem grellen Lichte der Scheiterhaufen jähen die Gerechteren unter den Völkern das Golderz jüdischer Liebe und Treue glänzen und schimmern. Sie sahen bewundernd, welch ein Löwenmut diesem Israel innewohnt, welch eine beharrliche Gottestreue es ziert, welche hehre Schwungkraft des Gottesgeistes es auszeichnet, und sie erwogen, um wieviel größer und siegreicher Liebe ist als Haß, und sie singen an, das Unrecht zu erkennen, das sie Israel zugesügt, und sie stimmten in den Ruf ein: ״Gepriesen sei die Herrlichkeit Gottes an ihrer Stätte! Andächtige Zuhörer! Wie die irdische Sehkraft des Menschen vom dunklen Punkte seines Auges ausstrahlt, sv strömt auch seine sittliche Sehkraft am fiäifftcn und ergiebigsten vom dunklen Punkte göttlicher Prüfungen und Heimsuchungen aus. Die edle Pflanze der Gotteserkenntnis läuft Gefahr, bei ewigem Sonnenschein zu verkümmern, deshalb hüllte Gott den Sinaiberg in eine dunkle Rauchwolke ein, um ihn vor entweihender Berührung zu schützen. So strahlten die Tugenden Israels stets am schönsten in der Dunkelheit der trüben Schickungen, der bösen Zeiten, während bei Hellem Sonnenschein des ungetrübten Glückes Israel den Propheten zu Klagen Veranlassung gab. Nach langem Leiden ging endlich gegen Ende des vorigen und an der Schwelle des gegenwärtigen, nunmehr zur Neige gehenden Jahrhunderts שמש צדקת die Sonne der Berechtigkeit über und für Israel aus. Immer weiter breiteten sich die Strahlen dieser Gercchtigkeitssonne aus. Aber je Heller sie strahlten, desto matter wurde im Lager Israels das Licht der Thora, und vor einem Menschenalter hatte es fast den Anschein, als ob dasselbe Israel, das die unverwüstliche Kraft besaß, durch Jahrtausende gegen die ganze übrige Menschheit siegreich zu kämpfen, von dem freundlichen Sonnenstrahl einer best ern Zeit besiegt werden sollte. Da trat der Umschlag ein: Der Sinaiberg umzog sich wieder mit dunklen Rauchwölken. Immer dichter wurden diese Wolken, immer greller zuckten die Blitze der Verleumdung, immer heftiger rollten die Donner der Verfolgung, immer lauter kreisten die Berge und brachten den Antisemitismus zur Welt. Und siehe da, kaum wurde dieser sichtbar, da näherten sich die Kinder Israels wieder mehr dem Sinaiberge, und in dessen Nähe ergriff sie der Geist Gottes und trug sie in die Höhe, und sie hörten ihn rufen: ״Gepriesen sei die Herrlichkeit Gottes an ihrer Stätte!" Darum wollen wir nicht zagen, wenn dichte Rauchwolken unseren Sinaiberg umhüllen. Denn es schlummert und es schläft nicht der Hüter Israels. Wie er uns seit Jahrtausenden beschützt hat, so wird er uns auch in Zukunft beschützen. Lasset uns auch nicht zagen, wenn sich der Lebens- Himmel Einzelner unter uns mit düsteren Wolken umzieht. Lehrt uns doch der Geist unserer Geschichte vertrauensvoll mit dem Psalmisten sprechen: ״Und wandte ich auch im Thale der Todesschatten, so fürchte ich kein Leid, denn Du bist mit mir, Dein Stab und Deine Krücke, sie trösten mich." Und lasset uns auch nicht verzagen, wenn wir unter Gräbern wandeln, wenn wir ein teures Familienmitglied durch den Tod verlieren. Denn unsere heilige Religion, die uns opfernde Priester Gottes nennt, lehrt uns entsagen, lehrt uns, wie der Geist der Entsagung uns hoch hinaus über Erdenschmerz und Erdenwehe hebt, wie wir, von diesem Geiste getragen, versöhnt in die Menschheit hinein rufen: ״Gepriesen sei die Herrlichkeit Gottes an ihrer Stätte." Amen. Berichtigung: In Nummer 7 der Beilage, Seite 49, Spalte 2, Zeile 3 von oben, muß es heißen ״Studie über Thomas von Aquino" (statt ״von"), auf Seite 52, Spalte' 1, Zeile 14 von oben, ״i n dem das" (statt ״aus"), auf Seite 53, Spalte 2, Zeile 5 von unten ״Determiniertheit" (statt ״Determiertheit"). Verantw. Redakteur: M. 21. Klausner, Berlin W., Tauenzienstr. 19a. — Verl. Siegfr. Eronbach, Berlins. 57. — Druck: Arthur Schalem, Berlin C., Noßstr. 3. ץ