Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- Seite 501 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605007-9605028--7442-9605033- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
*Hr. 32. Israelitische Wochenschrift. Seite 501. in dem „Jüdischen Volksblatt" nicht eine Silbe! nicht eine Silbe! Die „Kceuzzeitung" fügt der eines Gödsche würdigen Fälschung die Bemerkung an: „Naiver als vom „Jüdischen Volksblatte" kann das werkthätige Wohlwollen der Juden für die Sozialdemokratie nicht ausgesprochen werden". Die „Kreuzzeitung" darf nicht hoffen, nach dieser Leistung als „naiv" angesprochen zu werden. Ganz im Gegenteil. Einmihnng des ucucrbautr« lehrlingsheilns in Köln. Weiherede, gehalten am 23. Juli 1899 von Rabbiner Dr. Frank. Hochverehrte Festversammlung! Wir sind im Begriffe, dieses stattliche Haus, das neuerbaute Lehrlingsheim, einzuweihen und seiner sozial-gemeinnützigen Bestimmung zu übergeben. Das erste Weihewort, das über diese Stätte ausgesprochen wird, soll von der Religion ausgehen, denn das bedeutet die richtige Aus- und Erfassung alles dessen, was hienieden in der materiellen.Welt vor sich geht, wenn man bestrebtest, die Brücke zu schlagen, die das Sinnliche mit dem Ueberfinnlichen, die Materie mit der Idee, den Menschen mit Gott verbindet. Alles, was unter den Menschen geschieht und sich vollzieht, muß von einem höheren Gesichtspunkte, im Lichte Gottes und der Religion betrachtet werden, und nirgendwo offenbart sich das Licht Gottes und der Religion Heller/klarer und deutlicher als in der Entwickelung der Weltgeschichte im allgemeinen und der Geschichte eines Einzelvolkes im besondern. Deß können wir Redner des Judentums uns am gründlichsten überzeugen. Heute vor acht Tagen begingen wir den,Trauertag zur Erinnerung an den Untergang des .staatlichen Lebens unseres Stammes: Tempel und ^Stadt, Priester und Altar, Freiheit und Unabhängigkeit gingen ^verloren. Zweitausend Jahre fast liegen seitdem hinter uns; die zeitgenössischen Völker der alten Welt sind nicht mehr, und von den Kulturvölkern der Gegenwart vermag kein einziges aus solch ein hohes Alter zurückzuweisen, und während wir mit gewissen Wehmutsgesühlen zurückblickten aus das, was wir einst waren und nicht mehr sind, aus das, was wir einst besaßen und nicht mehr besitzen, gingen wir nicht gleich thatenlosen Existenzen in unfruchtbarer Rückerinnerung auf, sondern, - die Brust voll von Hoffnung, traute der Genius des Judentums.der dem Stamme innewohnenden Kraft der Verjüngung und ließ sich von dem Prophetenworte, das gestern in allen Gotteshäusern Israels vernommen wurde, ausrichten, „tröstet, tröstet mein Volk" . . . „Alles Menschliche ist wie das Gras und alle seine.Vortrefflichkeit ist wie die Blume des Feldes, es dorret das Gras, es welket die Blume, aber das Wort unseres Gottes besteht ewiglich." Und Israel hatte sich getröstet und ausgerichtet, da es fortan an den Ausbau seines Religionsgesetzes und die Erforschung der heiligen Schriften seiner unvergleichlichen Literatur herantrat und seinem Geiste Nahrung zuführte, die dem ganzen Körper des Volkes zu gute kam. Aber nicht die geistige Beschäftigung allein wurde als eine unentbehrliche Voraussetzung der Fortexistenz Israels erkannt, auch die körperliche Arbeit stand im Vordergründe als Mittel zur Erhaltung des jüdischen Stammes. Hat doch ein Fürst in Israel, der Vorsitzende der höchsten Religionsbehörde, hat doch ein Rabbi Gamaliel seinem Zeitalter zugerusen ni^n jw mm bi) py nrora orw ny w pNVpn nv min py nmm rtes ddid rD&6& my „Schön ist cs, das Studium der Gotteslehre mit weltlicher Beschäftigung zu verbinden, denn beides vereint, hält die Sünde fern, und wo Thora und Arbeit nicht Hand in Hand gehen, dort hat auch die Thora keine Bedeutung." Und diese Ermahnung ging in das Fleisch und Blut Israels über; hervorragende Schriftgelehrte, Männer, deren tiefe Gedanken und hohe Weisheit noch heute uns belehren und erbauen, waren schlichte, fleißige, redliche Handwerker; in der einen Hand die Feder, mit der sie das Gotteswort niederschrieben, in der anderen Hand das Werkzeug, um damit das tägliche Brot zu gewinnen. Die Liebe zur Arbeit war zugleich im Sinne und im Geiste der Volkstradition, enthält doch die altbiblische Literatur so manchen Hinweis aus die sittliche Pflicht und den endlosen Segen der Arbeit, sowie manche Ermahnung gegen Faulheit und Trägheit. Ja, es ist eine uns Israeliten ehrende Tradition, die Liebe zur Arbeit. Man durchblättere doch die mit Recht so hochgeschätzte Literatur der Griechen und Römer, man lese ihre historischen, poetischen und philosophischen Schriften, ob man irgendwo aus einen ähnlichen Satz stößt, wie ihn der Psalmendichter herrlich und schön im 128. Psalm uns hinterlaffen hat. Dort wird das glückliche Familienleben eines schlichten, gottessürchtigen Handwerkers geschildert, wie er Gott fürchtet und in seinen Wegen wandelt; wie das Weib einem traubenreichen Weinstock gleich im Hause schaltet und waltet, wie die Kinder gleich Oelbäumen^um den Familientisch ausgepflanzt stehen, wie solch ein Mann eine Enkelschar um sich schaut; aber dem ganzen lieblichen Familienbilde geht eine Voraussetzung vorher -f? 21E) m “pDD ym „wenn du dich von deiner Hände Arbeit ernährst, heil dir, es geht dir wohl, heil dir, so meinen die alten Lehrer, in dieser Welt, der Welt der Dinge und Körper; es geht dir wohl in einer anderen Welt, der Welt der Ideen und Seelen. Welch eine hohe Wertschätzung der Arbeit seitens des jüdischen Geistes! Der Grieche überwies die Arbeit als eine des freien Mannes unwürdige Thätigkeit dem Sklaven, der Jude erkennt in ihr ein Mittel, das zu den Stufen der Sittlichkeit hinaufführt, einen Schlüssel, der die Himmelspsorte erschließt. Dieser hohen Bestimmung und Wertschätzung der Arbeit sei an erster Stelle dieses Haus geweiht. Die Arbeit fördert und entwickelt die sittliche Kraft in dem Menschen, sie weckt das Vertrauen zum persönlichen Können, sie stärkt und hebt das Selbstbewußtsein. Es bedeutet doch etwas Anderes, wenn das Stück Brot aus dem Familientisch ein durch Fleiß gewonnenes oder ein geschenktes ist; ob der Groschen in der Hand ein durch Schweiß des Antlitzes verdienter oder ein Almosen ist. Fürwahr, es ist ein Merkmal des Fortschrittes der Menschheit, daß die Arbeiterfrage in der Gegenwart im Vordergründe steht, es ist ein Zeichen der Großjährigkeits-