Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 5 (3.2.1899)
- Date
- 1899-02-03
- Page
- Seite 76 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 76. Israelitische Wochenschrift. Nr. 6. Seelenheil, mit seinem unsterblichen Teil zu thun; sie belehrt, ermahnt, schärst das Gewissen, kümmert sich aber um das soziale Leben weiter nicht. Befinden sich jedoch unter diesen Umständen soziales Leben und Religion besser? Man muß entschieden mit „nein" antworten. Nicht Vernunft und Verstand allein können die menschliche Gesellschaft begründen und beglücken; sie nehmen die Richtung hinab in das Irdische, auf das Sinnlich-bequeme, Nützliche und Angenehme; der Mensch ist das klügste, aber auch das furchtbarste unter den Tieren. Was der Mensch viele Jahrhunderte hindurch für das Wohl der menschlichen Gesellschaft geschaffen, für das politische Leben begründet, bleibt unvollkommen und hinfällig wie alles Irdische, wenn es nicht die Offenbarung befragt. Erst durch die Kundgebung der Gottheit tritt der Geist des Sterblichen in die Reihe gerechter und weiser Gesetzgeber, wird ihm der Schöpfer der Unendlichkeit zum Ratgeber, die ganze menschliche Gesellschaft zur Heimat; und was er innerhalb des sozialen Organismus wirkt, ist nicht für eine Spanne Zeit, sondern für ein endloses Dasein berechnet. Aber auch die Religion befindet sich nicht besser, wenn sie ihren Schwerpunkt nach dem Ueberirdischen verlegt, ohne sich um das soziale Leben zu kümmern. Wo die Religion nicht mit dem ganzen sozialen Leben verwebt und verschmolzen ist, wird der Glaubenseiser verabscheut, für Unklugheit gehalten, als nicht verträglich mit Weisheit und Ausklärung erachtet; da rechnet man es zürn Ruhme, des Glaubenseiftrs zu spotten, über die Priestergemeinschast und ihren Berus zu scherzen, die Diener des Altars für schlaue Heuchler und die Religion für einen zum Vorteil der Priester erfundenen Glauben finsterer Zeitalter zu halten. Worin aber liegt der ursprüngliche Grund zu dieser Trennung, die von jeher zwischen Religion und sozialem Leben besteht? Der Grund liegt darin, daß das Christentum in seiner ursprünglichen Anlage mit der mosaischen Lehre dadurch brach, daß es den Satz proklamierte und zur Geltung bringen wollte: Mein Reich ist nicht von dieser Erde; ferner: gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Das ursprüngliche Christentum lehnte alle weltliche Herrschaft, alle Verbindung mit den Thronen und Kronen der Erde ab; es stellte den Satz ans: Religion und soziales Leben müssen von einander getrennt sein, müssen die gegenseitige Durchdringung ein für allemal aufgeben, können sich niemals assimilieren, niemals organisch sich vereinigen. Indem das Christentum so die Konsequenz der religiösen . dee ab brach, mußte es gedrungen sein, sich einen anderen Schwerpunkt zu suchen, und diesen fand es im Jenseits, im Ueberirdischen. Während die mosaische Lehre das Göttliche mit dem Menschlichen in den engsten Verband zu bringen und dadurch ein vom Göttlichen durchdrungenes soziales, bürgerliches Leben zu bewerkstelligen gesucht, löste das Christentum das Göttliche von dem Menschlichen gänzlich los, ließ den Menschen sein eigentliches Dasein im Jenseitigen finden, zu dem er im Erdenleben nur durch Lösung vom Irdischen, durch Verachtung des Irdischen gelangt; die irdische Welt mit ihren sozialen und bürgerlichen Interessen erscheint ihm als profan, als geistig gehaltlos, für den Geist nur als Gegenstand der Verleugnung. Das Eigen- I tümliche der mosaischen Lehre besteht darin, daß die religiöse und politisch-soziale Sphäre des Lebens vollkommen mit einander verschmolzen sind, sodaß, wenn auch nicht jedes religiöse Gesetz und jede religiöse Pflicht zugleich auch politischer Natur ist, doch umgekehrt, die Uebertretung oder Nichtersülluug jeglichen Gesetzes, auch der scheinbar äußerlichsten Art, eine direkte Verletzung des göttlichen Willens, Sünde ist. Von Gott und seinem heiligen Willen gehen alle Gesetze und Verordnungen aus; das Leben muß von dem Prinzip des Göttlichen, wie der Körper von dem Nervenfluidum, wie der Raum von der Luft durchdrungen werden. Sittlichkeit, Politik, soziales Leben, Religion müssen zu einem einigen Ganzen verwachsen: die Religion kann die Gesellschaft nicht ausgeben; ihr Reich ist allerdings von dieser und in dieser Welt. Derselbe Gott, der dem Menschen die Moral geoffenbart, damit er auf der Bahn der Sittlichkeit sicheren Schrittes wandele und nicht wanke, derselbe Gott hat auch die Gesetze für das soziale und bürgerliche Leben in ihren Grundzügen gegeben und den Boden gezeigt, aus dem die Menschen im gesellschaftlichen Verkehr einhergehen sollen. Diese so nach Ursprung, Dasein, Entwickelung, Zweck und Ziel göttlich bestimmte Ordnung des religiösen und sozialen Lebens sollte sich verwirklichen bei einem bestimmten Volke, dem Volke Israel, und auf einem bestimmten Territorium, dem Lande Kanaan, das dem Stammvater zugleich mit seiner Auserwählung von Gott war vorgeschrieben worden. Der Tempel zu Jerusalem wurde zerstört, die Selbstständigkeit der Juden war dahin; das Judentum hörte auf an einen Staat geknüpft zu sein;, aber das Ideal für die menschliche Gesellschaft, wie es das Judentum vorzeichnet, lebt immer und ewig; Israel trägt es in seinen Grundzügen in allen Staaten umher. Die Juden bilden daher nirgends, wo sie als treue Anhänger des Vaterlandes leben, eine Gesellschaft in der Gesellschaft; sie lebten immer isoliert vom allgemeinen politischen Leben, aber nichtsdestoweniger sind die sozialen und politischen Fragen aller Staaten in seiner Thora entschieden; sie lehrt in ihren Institutionen, wie das ^Religiöse nnd das Soziale verschmolzen sein, wie das eine das andere durchdringen müsse. Es darf die Lehre von dem Leben und der Gesellschaft nicht unterschieden werden, es muß der Mensch als Individuum und als Glied des sozialen Organismus aus dem Boden des Religiösen stehen; das ganze Leben ist Religion und Religion enthalte das ganze Leben. Erwägen wir dies, so sehen wir leicht ein, daß die moderne Kultur mit ihren Bestrebungen, Resultaten und idealen Zielen eine Bestätigung der organischen Verbindung von Religion und sozialem Leben ist, wie sie in der mosaischen Lehre ausgesprochen ist. Das Unterscheidende der modernen Kultur besteht gerade darin, daß in ihr der Menschheit der geistige Sinn, das geistige Interesse für die irdische Welt ausgegangen ist, daß die Menschheit ansing, in ihr ein wunderbar kunstvolles Mittel für die Zwecke des Geistes zu sehen; das jetzige Geschlecht hat seine wirklichen Zwecke mit der Welt merklich besser verstehen gelernt, und ist für ihre Erreichung ernster und zweckmäßiger thätig als die früheren Generationen. Die ' Gesamtausgabe der Menschheit besteht nach der modernen