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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-02-03 · 5 (3.2.1899) · p. Seite 74

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
5 (3.2.1899)
Date
1899-02-03
Page
Seite 74 (sequence 10)
Language
German
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Seite 74. Israelitische Wochenschrift. Nr. 6. und Hilfe er eben erst, allerdings vergeblich, angernfen hat. Es muß einen peinlichen Eindruck machen, wenn Herr Dr. Nordau sagt, uusere Millionäre hätten in der „greulichen jüdischen Erbkrankheit der Schnorrsucht" sich an die Aermsten unter unser» armen Glaubensgeirossen im Osten mit der Bitte gewarrdt, sie sollten das Opfer ihrer Ruhe dem zitterrrden Behagen der Millionen bringen. So sollte man nicht von den Milliorrären und nicht von der „greulichen jüdischen Erbkrarrkheit der Schnorrsucht" sprecherr, nachdem man eben die zum Empfangen geöffnete Hand diesen Millionären entgegengestreckt hat. Das sieht mehr wie der Ausdruck der Verärgerung, als wie der eines ungetrübten Urteils aus. Unsere Millionäre, meint Herr Dr. Nordau, Haffen den Zionismus, weil er im Westen die Auflösung des Judentums durch Taufen und Mischehen — durch Mischehen, betonte Herr Dr. Nordau — aufhalte. Wären unsere Millionäre wirklich so fluchtbereit, der Zionismus würde ihre Flucht nur beschlerrnigen. — Die Zionisten haben, nach Herrn Dr. Nordau, wieder ein Band um alle Söhne Abrahams geschlungen. Nein, dieses Band ist am Sinai gewoberr worden, es bedarf keiner Erneuerung, denn es ist rrnzerreißbar! Herr Dr. Nordau hat sodann von den Protestrabbinerrr gesprochen, sie „Leutchen" und im Antoniustone „ehrenwerte Gemeindebedienstete" genannt, die nicht verstanden hätten, den Glauben in ihren Gemeinden zu pflegen und zu erhalten. Als ich diese Worte hörte, stiege»! die ehrfurchtgebietenden Gestalten meiner Vorfahren vor mir auf, Rabbinen in Israel, denen die Schuhriemen zu lösen Sie, Herr Dr. Nordau, nicht würdig sind. (Herr Dr. Nordau macht in einer Zwischenbemerkung darauf aufmerksam, daß er nur von den Protestrabbinen, nicht von den alten Rabbinen gesprochen habe, und daß er die Einschätzung seiner Würde sich selbst Vorbehalte.) Was kann Herr Dr. Nordau den Protestrabbinen zum Vorwurf machen? Sie sind in einer Frage, die ihnen wenigstens in erster Reihe eine religiöse Frage ist, nicht seiner Meinung, und dem haben sie nach Pflicht und Gewissen Ausdruck gegeben. Das ist kein Grund, sie zu beschimpfen. Dieser Schimpf siele übrigens auf uns zurück, die wir solche Rabbiner gewählt haben, daß sie unsere Lehrer sein sollen. Stehen die Synogogen wirklich leer, so sind wir es, die dort fehlen, nicht die Rabbiner, und wir müssen bekennen: uo8toa culpa, nostra maxima culpa! In grellem Gegensatz zu der Art, in der Herr Dr. Nordau von unseren Millionären, die dem Zionismus das Geld, und von unseren Rabbinen gesprochen, die dem Zionismus den Segen versagen, stehen die schmeichelnden Töne, die er für das jüdische Proletariat gefunden. Die Absage auch nur eines Teiles des jüdischen Proletariats an den Zionismus würde ihn, Dr. Nordau, zwingen, sich trauervoll zurückzuziehen und auf seine alten Tage ein neues Ideal zu suchen Ich halte es für übrig, aus seine Werbungen um die Gunst des jüdischer! Proletariats einzugehn, derrn ich halte Werbungen von so dürftigem Gedankeninhalt und in solcher Weise vorgebracht, für aussichtslos. Auch hier, meine ich, hat Herr Tr. Nordau sich arg im Tone vergriffen und seiner Absicht entgegengearbeitet. Die Bedeutung von Marx und Lassalle für den Sozialismus lasse ich unerörtert. Doch wenn sie hier als Juden angesprochen werden, so muß ich sagen, daß sie wohl als Juden geboren, aber nicht wirklich Juden gewesen sind. Will inan sie als Heilige preisen, wozu wir keine Veranlassung haben, so sind sie Heilige, die im jüdischen Kaleirder rricht stehen. Ich mag die Nordauschen Aussührullgerl noch so sorgfältig durchforschen, ich finde darin keine Spur von Thaten, die gethan worden sind, oder von Thaten, deren Ausführung wir erwarten dürfen. (Zwischenrufe: Die Baseler Kongresse! — 36 Kolonien in Palästina! — Die heutige Versammlung!) Die Kongresse sollen Thaten gewesen sein? Das wären sie, wenn man ihren Wert nach dem Lobe bemäße, das die Kongreßmänner sich selbst gespendet! Was haben Sie denn in Basel gethan? Sie sind ein erstes Mal zusammengekommen und Haber! mit der Zunge gerasselt; Sie sind ein zweites Mal zusammengekommen und haben wieder mit der Zunge gerasselt! Der Kolonisation aber hat sich der Kongreß feindlich gegenübergestellt und sie als „Infiltration" verdammt. Das hat freilich die Kolonisation nicht aufgehalten, doch Sie sind es nicht, die das Verdienst sich zuschreiben dürfen. Mit geheimnisvollen Andeutungen hat Herr Dr. Nordau von der Huld eines ungenannten Monarchen gesprochen, die dem Zionismus zugewendet sei. Hier fehlt mir die Kontrolle. Doch wenn der Zionismus, wie Herr Dr. Nordau sagte, mit dem Judentum so identisch ist, so hat jene ungenannte Majestät weit nähere Gelegenheit, ihre huldvolle Gesinnung zu bethätigen." Herr Dr. Nordau mußte einige Zeit warten, ehe er zur Duplik das Wort nehmen konnte, denn die Versammlung brauchte einige Zeit, um nach ihrem Wunsche zu erkennen zu geben, daß sie in ihrer großen Mehrheit den Klausner'schep Ausführungen beipflichte. Nach dieser notwendigen Pause erklärte Herr Dr. Nordau, daß er im Rahmen eines Vortrages über ein bestimmtes Thema nicht über die Ziele des Zionismus und seine Thaten im einzelnen sprechen könne; daß es eine absolut ungerechtfertigte Unterstellung sei, wenn man ihm nachsage, er habe bei den jüdischen Millionären persönliche Vorteile gesucht, und daß der Vorredner zu Unrecht ihn mit dem Zionismus identifiziert und ihm dadurch eine Verantwortlichkeit auferlegt habe, die er nicht tragen könne. Dr. Klee nahm für den Zionismus das Verdienst in Anspruch, die jüdische Jugend ausgerüttelt und mit neuem Selbstbewußtsein erfüllt zuhaben; der frühereJudenmissionar und Pastor a. D. Fab er bezeugte die Sympathien der Kaukasusjuden, die dichter und zahlreicher wohnten, als die Juden im Westen Europas, für den Zionismus; Herr Friedemann und Herr Mozkin kamen polemisch aus Aeußerungen zurück, die Herr Klausner in früheren zionistischen Versammlungen gethan; Herr Ewer betonte das Deutschtum der Juden in Deutschland; Herr Siegmann protestierte gegen die Inanspruchnahme der Mehrzahl der Juden für den Zionismus und meinte, daß die Nordauffchen Ausführungen Wasser auf die Mühle des Antisemitismus seien; Herr Goldschmidt wies die Nordau'sche Behauptung zurück, daß der Sozialismus sich antisemitisch häuten werde. Zum zweiten Male nahm Herr Klausner das Wort zu ungefähr folgender Ausführung: „Die Reihe der Einreden des Herrn Dr. Nordau bedeutet eine Reihe von Mißverständnissen, von denen ich ar!nehmen darf, daß keiner der Hörer sonst sie geteilt hat. Mir ist der Gedanke nicht gekornrnen, Herr Dr. Nordau habe persönliche Vorteile gesucht; das Gegenteil ist selbstverstär!dlich. Bedauert er, daß ich auf seine Andeutung von der dem Zionismus winkerlden Huld eines Monarchen eingegangen bin, so muß er seine Anklage geger! sich selbst wenden, denn nachdem er öffentlich davor! gesprochen hat, ist es rnir natürlich gestattet, in der gleichen Oeffentlichkeit davon zu rederi. Ein Mißverständnis ist es auch, daß ich Herrn Nordau mit dem Zionismus identifiziert hätte. Ich habe im Gegenteil genau gesondert zwischen der Verantwortung des Herrn Dr. Nordau » und der des Zionismus und die Unterscheidung zwischen beiden

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