Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-02-03 · 5 (3.2.1899) · p. Seite 73

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
5 (3.2.1899)
Date
1899-02-03
Page
Seite 73 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605007-9605011--7429-9605020
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 5. Israelitische Wochenschrift. Seite 73. Einwanderung ausländischer Juden hätten die jüdischen Millionäre wohl mit ihrem jüdischen Einflüsse schon durchsetzen können, und wahrscheinlich würden sie die Regierungen nicht lange darum bitten müssen. Unter dem Schutze einer engeren Grenzsperre, über deren unerbittliche Durchführung die Großjuden scharfen Auges gewacht hätten, wäre das Uebel des Judentums allmählich erloschen. Der Zionismus macht diesen Großjudenplan zunichte. Lebende ausländische Juden kann turnt aus den Ländern des Westens ausschließen, Gedanken nicht. Dringt aber der zionistische Gedanke erst in eine Judetrschaft ein, dann will sie nicht länger sterben, dann verjüngt sie sich von innen aus auch ohne fremden Zufluß, dann giebt es wieder Juden und man nimmt auch atr jüdischen Millionären die Eigenschaften als Juden wahr, man glaubt nicht, daß sie gute Arier sind. Das ist das große Verbrechen des Zionismns. Das Kabel, das die jüdischen Millionäre an das Judentum knüpfte, war fast ganz durchgesägt und hing nur noch an einem schwachen Faden, den eitle letzte geringfügige Anstrengung abgerissen hätte. Da schreit der Zionismus über alle Dächer: „Es giebt ein Judentum, wir sind eine Rasse!" Es giebt leider auch einen Auswuchs des Judentums, aber selbst dieser Auswuchs ist noch jüdisch. Wir schlagen, ohne es zu wollen, Attgeln mit Widerhaken in das Fleisch der feigen Ausreißer und binden sie wieder an das Judentum, von dem sie in aller Stille loszukommen hofften. Sie wollten utrtertauchen, utrd der Zionismus legt sich ihnen wie eine sonderbare Verbindirng von Schwimmgürtel und Zwangsjacke um den tvohlgenährten Leib. Der Vortragende erinnert an die Beispiele aus der Geschichte, daß auch der Reichtum die Juden nicht vor Verfolgung schützte, und sagt dann weiter: „Wir haben auch die Protestrabbiner gegen uns. Soll ich diese Leutchen gleichfalls eines Wortes würdigen? Meinetwegen, ich will es im Vorübergehen thun, der Vollständigkeit halber Was diese wackeren Gemeindebediensteten sagen oder nicht sagen, das hat genau den nämlichen Wert, ihre Bedeutung im Judentum ist gleich Null. Lehrer und Führer des Volkes sind sie längst nicht mehr. Detr aufgeklärten Juden sind sie ein Spott, den strenggläubigen ein Aergernis. Ob sie selbst atr irgend etwas, außer atr ihren Gehalt, glauben, das weiß ich nicht, ich habe auch kein Recht, es zu untersuchen. Daß sie aber nicht verstanden haben, den Glauben in ihrer Gemeinde zu bewahren, das lehrt ein Blick in ihre Synagogen, wo das Minjan für den täglichen Gottesdienst in der Regel besoldet werden muß. In der Menge haben sie die Kennttris der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte und Gebräuche nicht zu erhalten gewußt, so daß sie den jüdischen Ueberlieferungen vollständig entfremdet ist. Die jüdischen Reichen, die ihnen Amt und Gehalt geben, zeigen, was sie von einem Judetrtum halten, dessen Vertreter Protestrabbiner sind, itrdem sie sich trttd ihre Kinder der Reihe nach taufen lassen. Jetzt machen diese tvackeren Männer den Reichen den Hof, daß sie ihre salbungsvolle Stimme im Namen der jüdischen Religion gegen den Zionismus erheben. Ich habe tticht den Beruf, die jüdische Religion gegen diese unvermuteten Verteidiger in Schutz zu nehmen, aber ich kann nur sagen: Dieser Zug der Feindschaft gegen die echteste und tiefste Bewegung, die das jüdische Volk je gekannt hat, fehlte uns bisher im Charakterbilde der Protestrabbiner. Jetzt ist das Bild vollständig. Schließlich bespricht der Vortragende die Stellungnahme der jüdischen Proletarier, der jüdischetr Arbeiter zum Zionismus. Auf ihre Mitwirkung könne der Zionismus nicht verzichten und sie müßte matt, woserne sie ihm widerstehen, überzeuget:. Redtter führt aus, daß die Jdeett des Sozialismtts auch innerhalb des Zionismus Raum sindett, und spricht die Befürchtttttg aus, daß die Juden attch seitens des Sozialismus Enttäuschungen erleben können, wie sie sie nach der großen Revolution und mit dem Liberalismus erleben mußten. (Anhaltender Beifall.) Einschaltend sei bemerkt, daß der große Zudrang zu der Versammlung nicht etwa einer entsprechenden Zahl der hiesigen Anhängerschaft des Zionismus zuzuschreiben ist. Unter den Hörern bildeten die Zionisten, die ben letzten Mann aufgeboten hatten, eine kleine Minderheit. Das ließ sich selbst dadurch nicht verdecken, daß die anwesenden Zionisten der Tiefe ihrer Ueberzeugung durch den vollen Aufwand ihrer sehr respektablen Lungenkrast Ausdruck gaben, sei es in dem klaquenhast wohlorganisierten Beifall, der jedes tönettde Wort ihres Vortragenden quittierte, sei es in den lärmenden Mißsallenskundgebungen, mit denen sie jede kräftige Erwiderung zu unterbrechen versuchten. Die Stimmung und Meinung der großen Mehrheit wurde unzweifelhaft offenbar in der minutenlangen stürmischen Begrüßung, die nach dem Nordauschen Vortrage der Ankündigung folgte, daß Redakteur M.A. Klausner gegen Herrn Dr. Nordau das Wort nehmen werde. Der Inhalt der Klausnerschen Ausführungen sei hier kurz wiedecgegeben: „Herr Dr. Nordau hat in der Einleitung seines Vortrages tlnter Berufung aus den römischen Rechtsgrundsatz, daß die Vermututlg der Zustimmuttg erwecke, wer schweigt, wo er hätte redet: können uttd reden sollen, als Anhänger des Zionismus alle Juden angesprochen, die nicht ausdrücklich gegen den Zionismus sich erklärt haben. Ich muß verneinen, daß der Zionismus eine Bedeutung gewonnen hätte, die jeden Judet: zur lautet: Parteittahme für oder wider zwingt; ich muß in Abrede stellen, daß alle die, die in wirklicher oder scheinbarer Gleichgiltigkeit verharren, auf dem bequemen Wege des Schweigens ihrer Zustimmung zu den zionistischen Plänen Ausdruck gebet: wollen. Weit eher wäre eit: gegenteiliges Verfahren zu rechtfertigen, denn zum lautet: Gegenbekentttnis gegen eine Bewegung fühlt sich in der Regel nur veranlaßt, wer in dieser Bewegung eine Gefahr sieht, vor der er warnen zu müsset: glaubt, währettd die nichtachtende Abwendung sich durch Schweiget: hinreichend kenntlich macht. Ut:tor allen Umständet: ist die Nordausche Methode, jede:: gute:: Jude:: eilten Zionisten zu nennen ttttb jeden Nichtzionisten als einen schlechten Juden hinzustellet:, eine verwerfliche petitio principii, d. i. eine Art logischen unlauteren Wettbewerbs. Ganz besonders übel ist Herr Dr. Nordau mit de:: jüdische:: Millionären umgesprungen, die er in ihrer großen Mehrzahl teils als Trottel teils als Schufte geschildert hat, als ideallose und idealfeindliche Mensche::, ttttb von denen er doch im Grunde nur sagen konnte, daß sie seine Ideale nicht teilen. Ich stehe gewiß' nicht in dem Verdacht, allzu große Ehrfurcht zt: heget: weder vor det: Geldsäcket:, noch vor denen, die darauf sitzen, aber ich weiß ::nd jeder weiß mit mir, daß unsere jüdischen Millionäre in ihrer großen Mehrzahl allezeit eine offene Hand haben für jedes Wohlthätigkeitswerk und für jedes Wohlfahrtsunternehmet:. Woher hat Herr Dr. Nordau die Urbilder feiner Millionär-Zeichnungen genommen? (Zwischenrufe von verschiedenen Seiten: Aus Paris! Aus Lottdon! 'Aus Frankfurt am Main!» — Und wenn Sie die ganze Summe der Jhtten verfügbaret: geographischen Nomenklatur vor mir ausbreiten, so werden Sie mich doch tncht bereden, daß Herr Dr. Nordau ein Konterfei und tncht vielmehr^ente^Karnkatur unserer Millionäre geliefert hat. Das war tncht blos ein Uttrecht von Herrn Dr. Nordau, sondern auch feinen eigenen Absichtet: abträglich, detn: es tnuß eiltet: peinliche:: Eindruck auf jeden Unbefangenen machen, wettn er die Persottet: schmäht, deren Mitwirkung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.