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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-02-03 · 5 (3.2.1899) · p. Seite 72

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
5 (3.2.1899)
Date
1899-02-03
Page
Seite 72 (sequence 8)
Language
German
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Seite 72. Israelitische Wochenschrift. Nr. 5. land oder als die jungen Völker Amerikas und Australiens. Wenn auch unsere Eigenliebe darunter leiden sollte, so werden wir eben leiden. Wo es sich um das Wohl der Judenschaft handelt, haben wir kein Recht, uns in persönlichen Stolz zu hüllen; werden uns Demütigungen zugefügt, so werden wir auch Demütigungen ertragen, und sie in den Schornstein zu den anderen Opfern schreiben, die das Judentum uns auferlegt. Die Schamröte komme über das Haupt der Reichen, durch deren Schuld wir dein Erröten ausgesetzt werden. Aber noch aus einem zweiten Grunde konnte uns die ablehnende Haltung der meisten jüdischen Großsinanzleute nicht gleichgiltig sein. Die maßgebenden christlichen Kreise, diejenigen, an deren Meinung uns liegen muß, wissen von den inneren Verhältnissen des Judentums nichts, oder so gut wie nichts. Die einzigen Juden, die sie kenneu und mit denen sie umgehen, sind die großen Finanzjuden. Teils drängen sich diese unter sie, teils ziehen die christlichen Kreise sie mit habsüchtigen Hintergedanken zp sich heran. In den jüdischen Millionären erblickt der Christ, selbst der geistig vornehme Christ, gleichsam die Blüte des jüdischen Stammes und die ideale Verkörperung der jüdischen Eigenschaften, und er muß glauben, daß das jüdische Volk selbst seine Anschauungen teilt, denn er sieht den jüdischen Millionär nicht blos an der Spitze .des Verwaltungsrates der Banken und der Aktiengesellschaften, sondern auch an der Spitze der Gemeinden und aller jüdischen Organisationen. Die Judenschaft scheint durch ihre freie Wahl die Auffassung des Christen zu bestätigen, daß der jüdische Millionär der Vertrauensmann und berufene Wortführer des jüdischen Volkes ist. Der Staatsmann, der Aristokrat, der hohe Offizier, der Professor, der vom Zionismus gehört hat, denn das haben unsere Feinde mit aller ihrer Kunst nicht verhindern können, fragt den jüdischen Millionär, mit dem er verkehrt: „Was ist's mit dem Zionismus?" und erhält als Antwort entweder ein verächtliches Achselzucken oder die lächelnde Auskunft: „Eine Narrheit einiger obskurer Scribler, die von sich reden machen wollen, und einiger russischer Juden, die nichts minderes als verkappte Nihilisten sind." Ist es ein Wunder, daß die Fragenden sich mit dieser Aufklärung bescheiden und uns dann in dem Lichte sehen, in dem die jüdischen Millionäre uns ihnen zeigen? Es ist uns nicht oft Gelegenheit geboten, die gefälschte Meinung zu berichtigen, und es ist - der zionistischen Bewegung namentlich in ihrem ersten Wagestücke hinderlich, daß sie von christlichen Kreisen nicht recht gewürdigt wird, deren Wohlwollen für sie sehr wichtig wäre und auf deren Wohlwollen der Zionismus bestimmt rechnen könnte, wenn die christliche Welt über ihn besser unterrichtet wäre. Den Widerstand der jüdischen Finanzgrößen zu brechen, sie zum Zionismus zu bekehren, darauf müssen wir vorerst verzichten. Dagegen dürfen wir es nicht unterlassen, die christliche Welt darüber aufzuklären, daß die jüdischen Millionäre weder die Verkörpernng jüdischer Eigenschaften noch die berechtigten Vertreter des jüdischen Volkes sind, und daß es nicht das Geringste gegen den Zionismus beweist, wenn sie von ihm nichts wissen wollen. (Beifall.) Die jüdischen Millionäre, und um es nicht wiederholen zu müssen, betone ich einfür allemal, daß ich immer nur von ihrer Mehrheit, vom Durchschnitte der Gattung spreche, dagegen sehr wohl weiß, daß es unter ihnen eine Minderheit von achtunggebietenden Ausnahmen giebt, die jüdischen Millionäre haben kein Recht, im Namen des jüdischen Volkes zu sprechen, denn sie kennen es nicht und haben keine Fühlung mit ihm. Alle ihre Aeußerungen sind deshalb lediglich persönliche Meinungen, die blos die Gefühle der Sprecher selbst und ihres engsten Gesellschaftskreises ausdrücken. Daß die jüdischen Finanzgrößen aber keine Zionisten sind, das ist verzeihlich. Ihr Reichtum gewährt ihnen alle Befriedigungen, die man sich um Geld verschaffen kann, und es giebt heutzutage sehr wenig Befriedigungen, die nicht ihren Marktpreis haben. Weshalb sollten sie Zionisten sein? Um ihre materielle Lage zu verbessern? Das haben sie nicht nötig. Um einem geschichtlichen und sittlichen Ideal zu dienen? Sie haben kein Ideal. Die bloße Nennung dieses Wortes genügt, um ihre Heiterkeit oder ihr Mitleid zu erregen. Um der Chicanierung und Verfolgung zu entgehen? Sie leiden nicht darunter, für sie besteht der Antisemitismus thatsächlich nicht. Sie gehören zu den bevorrechteteu Ständen, sie werden vom Staate mit Orden, Adelstiteln und Berufungen in's Herrenhaus ausgezeichnet, sie betrachten sich als Mitglieder der Aristokratie, und diese läßt den Anspruch gelten. Der christliche Aristokrat sieht im jüdischen Millionär ein verkörpertes Vermögen, eine Ziffer aus zwei Beinen, und vor einer Ziffer hat ein jeder Realist Dichtung. In Geldsachen hört, wie die Gemütlichkeit, so das Rassenvorurteil auf. Aber noch mehr. Der christliche Aristokrat findet trotz seines gründlichen Antisemitismus den jüdischen Millionär, mit dem er verkehrt, auch als Menschen ganz nett und läßt ihn dies häufig durch eine ungemein sympathische Behandlung fühlen. Das ist psychologisch leicht zu erklären. Der christliche Aristokrat wirbt häufig um eine Stelle im Verwaltungsrat der Bank seines jüdischen Freundes und um die wohlgefüllte Hand seiner Tochter. Aus dem natürlichen Bedürfnisse der Selbstachtung überredet er sich, daß der Mann, dessen Geld er unter verschiedenen Rechtstiteln annimmt, auch an und für sich, abgesehen von seinem Vermögen, ein wünschenswerter Umgang für ihn sei, denn er müßte sich ja vor sich selbst schämen, wenn er sich zu bekennen hätte, daß er in dem Vorsitzenden der großen Bank, in dem Vater der heiratsfähigen Milliorlenerbin nur den Bündeljuden in Salonausgabe sieht und ihm alle die Gefühle widmet, von denen sein antisemitisches Herz voll ist. Man muß schon ein Cäsar sein, um zu sagen: non ölet. Dieser Cynismus großen Stiles in der Geldgier liegt den gewöhnlichen Edelleuten ferne. Der Christ, der nach Judengeld strebt, hält sich selbst verpflichtet, dieses Geld durch ein Achtungsbad für die Großjuden zu reinigen. Ich bin deshalb durchaus zu glauben geneigt, daß die jüdischen Millionäre aufrichtig sind, wenn sie sagen: „Antisemitismus? Was ist das? Das giebt's ja gar nicht." Das ist höchst wahrscheinlich in den meisten Fällen keine gespielte Naivetät, sondern echte. Sie fühlen keinen Antisemitismus, und wenn arrdere Juderr versicherrl, daß sie ihn fühlen, so wissen sie ein unfehlbares Mittel, dem abzuhelfen. Der Verfolgte braucht blos Millionär und Baron zu werden, dann hört die Verfolgung von selbst auf. Das ist ihre Lösung der Judenfrage. Wir müssen zugeben, daß diese Lösmig auf den ersten Blick eleganter und angenehmer erscheint als die zionistische; aber nicht nur, daß sie nicht Allen zugänglich ist, sie ist keineswegs eine so endgiltige, wie es scheint. Ich habe bisher versucht, zu erklären, warum die meisten jüdischen Finanzgrößen keine Zionisten sind. Es bleibt mir aber noch zu erklären, warum sie gegen den Zionismus nicht blos gleichgiltig sind, sondern ihn mit thätigem Haß verfolgen Sie fühlen dunkel, daß der Zionismus ihre Kreise stört. Das Judentum war iit den Ländern des Westens im Absterben begriffen. Taufen, Mischehen, Freidenkertum lichteten seine Reihen, und der 'Augenblick konnte annähernd vorher bestimmt werden, wo es sich vollständig würde ausgelöst haben. Gegen die Gefahr des Einströmens frischer Blutwellen aus dem Osten konnte inan sich schützen. Ein gutes kleines Verbot der

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