Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 5 (3.2.1899)
- Date
- 1899-02-03
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr 5. Israelitische Wochenschrift. Seite 71. Eine Zionistische Uersaninlinng in Kerlin. Zum vorigen Samstag Abend war von zionistischer Seite eine Einladung in den Feenpalast ergangen, wo Herr Dr. Max Nordau sprechen und seinem Vortrage eine Diskussion folgen sollte. Dr. Nordau ist ein Schriftsteller von, Ruf, er ist ein bekannter Vortragskünstler, Debatten üben außerdem einen gewissen Reiz, das Thema weckte Interesse, der Eintrittspreis von 20 Pfennig legte keine empfindlichen Opfer auf — kein Wunder, daß Tausende sich einsanden, bei Zeiten den Riesenraum, teilweise sogar in beängstigender Weise, füllten, und so Mancher vergeblich Einlaß begehrte, den die Polizei vorsorglich versagte. Der Vortrag des Herrn Dr. Max Nordau führt einen dreifachen Titel. „Strömungen des Judentums" hieß er in Wien, wo er am 25. Januar gehalten wurde; drei Tage später hatte er in Berlin den Namen „Kapitalismus, Sozialismus und Zionismus", und am 30. stellte er sich in Köln unter der Bezeichnung: „Für wen arbeitet der Zionismus?" vor. Daß Berlin erst an zweiter Stelle den Vorzug hatte, die Auslassungen des eleganten Plauderers zu vernehmen, giebt uns die Möglichkeit, nach dem Bericht der „Oesterreichischen Wochenschrift" der Nordau'schen Rede erste Teile im Wortlaut unseren Lesern auszuwarten. Herr Dr. Nordau begann: „Von Wißbegierigen werden wir oft gefragt: Was gilt der Zionismus für die Juden? Unsere Antwort lautet: Für die in beiden Welten verstreut lebenden Juden, die in ihrer Volksumgebung nicht aufgehen können oder nicht aufgehen wollen und die darunter leiden, daß sie von Landesgenossen an Glauben und Art verschieden sind, will der Zionismus eine rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina schaffen, wo sie sich national und individuell ausleben können. Wir sehen da häufig, wie die Frager bcu Kopf schütteln und erwidern: Von dem amtlichen Judentum, von Rabbinern und Gemeindevorstehern, werden Sie verleugnet, von den reichen und den gesellschaftlich angesehenen Juden werden Sie bekämpft, selbst unter den armen Juden sehen wir noch nicht den großen allgemeinen Zug zu ihnen hin. Wo sind denn also die zionistischen Inden? Für welche Juden arbeiten Sie eigentlich? Ja, für welche Juden arbeiten wir eigentlich? Das ist eine Frage, die wir uns in Stunden bangen Zweifels selbst vorlegen. Eine Antwort finden wir sofort, die uns beruhigt und aufrichtet: wir arbeiten für uns selbst. Wir haben ein Ideal, und bekennen uns stolz dazu, ein Lebensziel, und schreiten zuversichtlich darauf los. Wir haben mit der überlieferten leidenden Haltung unseres Stammes gebrachen und sind entschlossen, mit 'Anspannung aller unserer Kräfte unser Erdenschicksal selbst zu schmieden. Das Endergebnis mag welches immer sein, wir spüren schon jetzt an uns den Segen der That. Wir fühlen, daß wir der Nacht den Rücken wenden und dem Lichte entgegengehen, das Morgenrot der Zukunft bestrahlt unsere Stirne, nur haben t:i der Bethätigung unseres Strebens nach eitlen: menschenwürdigen Dasein Selbstachtung gewonnen und schöpfen ans dieser Selbstachtullg das Recht und die Kraft, die Verachtung Anderer, vorausgesetzt, daß es überhaupt noch Jemanden geben sollte, der uns, die lallte):, offenen Bekenner des Zionismus z:l verachte): heuchelt, als einfache Dummheit zu belächeln. Diese Gehobenheit tu unseren eigene): Augen, diese sittliche Befriedigung über unsere Diensttreue gegenüber unserem kategorischen Imperativ gewährt urls seelische Genngthllung, die freilich jenseits des Begriffsvermögens unserer persönlichen Feinde liegt, die in ihre:: eigenen schmutzigen .Hundeseelen nach gewöhnlichen Beweggründen unseres Thuns suchen und in solchen schlammigen Pfützen natürlich nichts Reinlicheres finden, als die Eitelkeit. Wir arbeiten also h: erster Reihe für uns selbst. Doch nicht für das kleine Häuslein von Zionisten der erster: Stunde alleir:, auch nicht blos für diejenigen Juden, die sich bereits ausdrücklich für uns erklärter:, indem sie einem zionistischen Verbände beitreten und die freiwillige Volksabgabe entrichten. Wir sind überzeugt, daß wir auch für die schweigenden Millionen unseres Volksstammes arbeiten, die, wie die Menge immer zu thun gewohnt ist, noch abwarterl, noch gleichgiltig bleiben und ihre schwerfälligen Massen erst in Bewegung setzen werden, wenn Regsamere, Entschlossenere ihllen den Weg geebnet und die erste einladende Haltestelle für sie eingerichtet haben werde)!. Unsere Berechtigung, im Namen des ganzen jüdischen Volkes zu sprechen, Zukunftspläne auszuarbeiten, all Regierungen mit Gesuchen heranzutreten, schöpfe): nur aus der geschichtliche:: ltnb sittliche:: Kraft unseres Gedar:ke)ls, aus dem förmliche:: 'Aufträge der Wähler zu de:: beide:: Baseler Kongressen und selbst aus dem eine Zustimmung ir: sich schließer:den Schweige:: der jüdischen Millionen, die man vergebens mit aller: Mittel)! gegen u>ls anfzuhetzen sucht. Nachzuweisen haben wir unsere Berechtigung blos Jenen gegenüber, die uns laut verleugnen, und die beit Anspruch erheben, daß man ihre Absage als die Absage der Judenschaft an uns betrachte. Wir haben hier vor Allem die finarlziellen Größen unseres Stau: in es in: 'Auge. Die jüdischen Millionäre und Milliardäre, falls es solche geben sollte, Haber: zwar nicht durchwegs, doch zum großer: Teile gegerr de:: Zionismus Partei genommen. Sie verspotte)! uns und urlsere Bewegung von der Höhe ihrer Geldsäcke herab oder gebrauchen gegen uns Ausdrücke des Zornes. Diese Haltung der jüdischer: Reicher! kann uns natürlich llicht gleichgiltig sein. Einmal beraubt sie uns der Geldmittel, auf welche wir in unserer Herzenseiusalt bei Beginn unserer 'Anstrengungen bestimmt rechnen zu dürfe)! glaubten und ohne die eine große friedliche, zugleich wirtschaftliche und politische Volksbewegung in unseren Tagen mm einmal nicht durchführbar ist. Wir werde» die erforderlichen Geldmittel dennoch finden, teils bei jenen jüdischen Millionären, die sich Pflichtgefühl und Idealismus zu wahren gewußt haben, und mit einen: Schwünge, der uns im Herzer: bewegte, beim erster: Rufe in der: Dienst der heiligen Sache getreten sir:d, teils bei de): mittlerer: und kleiner: Leuten unseres Stammes, teils auch, wenn dies nötig werden sollte, ir: der christlichen Welt, die wir zu überzeugen suchen werden, daß sie bei uns eine sichere und einträgliche Geldanlage findet, und zugleich ohne Opfer ein ideales Sühnerverk vollbringen Hilst. Wir werden nicht davor zurückschrecken, die christliche Welt anzurufen, wenn die Feindschaft oder Gleichgiltigkeit der jüdischen Finanzgrößen uns dazu zwingen wird. Wir werden dafür vor unseren: eigene): Gervissei: Entschuldigung genng finden. Es ist übrigens falscher Stolz, das nötige Geld zur Wiederbelebung eines Landes, das durch den Fleiß urid die Kraft des jüdischen Volkes zu neuer Blüte gebracht werden soll, rricht aus jeder anständiger! Hand anzunehmen, die es uns aubieten will. Keil! Volt bedenkt sich, bei einem anderen Volke Anlehen zu «rächen, und es ist nicht einzusehen, weshalb das arrne Judenvolk wählerischer sein sott, als das gewaltige Ruß-