Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 32 (1920)
- Issue
- 2 (6.1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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t 13' zu suchen. So waren unsere Vorfahren und sind die einsichtsvollen Juden noch heute überall wahrhafte Patrioten der- Staaten, deren Gesetze sie schützen und stützen. Der französische Jude kennt ebenso wie der französische Christ keinen anderen Patriotismus als den französischen, der britische nur den britischen, der deutsche nur den deutschen und der italienische nur den italienischen us\v. Daran ändert auch der Zionismus das' Bestreben, für die' jedweder heimatlichen Scholle entbehrenden, von Land zu Land umherirrenden unglücklichen Elemente der Judenheit irgendeine feste Heimstätte zu erlangen, nicht das Geringste. Sein und seiner Kinder geliebtes Vaterland bleibt Frankreich, England, Deutschland, Italien uSw. Und es wird das auch, wenn in Palästina leibhaftig eine jüdische Nation mit eigener Kultur entstehen sollte, nicht anders1 werden. In Anbetracht dessen wareS, gelinde gesagt, eine haltlose Behauptung, die Juden, wie es in der österreichischen Nationalversämmlung durch einen jüdischen Abgeordneten geschehen, als einheitliches Vierzehn-Millionenvolle 'zu bezeichnen. Wenn man von einer Einheitlichkeit in der Uneinigkeit reden dürfte, dann wären die Juden allerdings das einheitlichste Volk auf Erden; in Wirklichkeit sind sie das zerfahrenste, das eS überhaupt Igibt. Es hat seit der babylonischen Turmbauges'ellsChaft noch keine gegeben, die der Judenheit an Zerfahrenheit gleichgekommen wäre. Wer zählt die Sprachen, die Muttersprachen jüdischer Kinder sind? Wo ist ein Volk, das von so vielen Arten der Kultur und Unkultur' durchdrungen ist? Wo ist eine Mensehenklasse, die so vielen Aiden, sehr oft 'ganz entgegengesetzten, von Patriotismus huldigt?- Wo eine Menschenajrt, die so viele Vaterländer hat? Wo eine solche, in der die sozialen Gegensätze So arg durcheinandergewürfelt und so [schroff? Und wo gibt es gine Konfession, deren Angehörige einander mehr 'verketzern, verdammen als die der mosaischen? Welch ein Muster der Seelenharmonie und wie gut ist das Volk vertreten durch die, welche mit Seiner Einheitskraft prahlen! Nüchternheit, Sowohl im Unglück als im Glück, ist für jediQfS Volk ein unschätzbares Gut und das Judenvolk hat besondere Ursache, sie unter allen Umständen zu bewahren, weil es, wenn es durch' Erfolge berauscht oder durch Mißerfolge betäubt, seine Nüchternheit verliert, jedem möglichen Unheil entgegentaumelt. Darum möge man sich wohl hüten, den steiner Grundtendenz nach philanthropischen ZÜonismus in Nationalwahn Umschlägen zu lassen, es könnte dem Glücksrausch über die gefundene Heimstätte eine verspätete, gar peinliche Ernüchterung folgen. Unsere Geschichte weiß ja leider von Solchen Ernüchterungen mehr als genug 'zu erzählen.