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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1920-06-01 · 2 (6.1920) · p. Seite 6

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
32 (1920)
Issue
2 (6.1920)
Date
1920-06-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 derbliche Zumutung ist, auf verfassungsmäßige Rechte freiwillig zu verzichten, um dafür den mehr als zweifelhaftem, Schutz jener auswärtigen Mächte einzutauschen, die gestern noch unsere Todfeinde waren und uns den unerträglichen Frieden von St. Germain auf gezwungen haben! Saget das an der Urne auch dem Wiener Oberrabbiner, der verkündet, daß die verfassungsmäßige Gleichberechtigung wertlos geworden sei, weil die Juden jetzt unter dem internationalen Minoritätsschutze des Völkerbundes stehen. Was dieser „Schutz“ wert ist, haben unsere rumänischen Brüder erfahren, die ihre Gleichstellung x trotz der Garantie des ganzen mächtigen Europa bisher nicht durchsetzen keimten, davon erzählen die jüngsten Pogrome in Polen, diesem von der Entente gehätschelten neuen Staate, die Niedermetzelung von Juden in Jerusalem trotz britischem Protektorate. Nicht das Ausland kann und wird uns schützen, sondern nur unsere einheimischen Gesetze, die unsere Väter für uns erkämpft, nur der feste und redliche Wille, mit unseren andersgläubigen Mitbürgern in friedtiehern Wettbewerbe, in.einträchtigem Gewerbefleiße mitzuwirken an der Wiederaufrichtung Wiens und Oesterreichs! Die Jüdischnationalen suchen Euch durch absichtliche Verwechslung der Begriffe „zionistisch“ und „jüdischnational“ zu täuschen. Auch wir wollen die Errichtung einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für die bedrängten und verfolgten Juden des Ostens. Das ist aber etwas ganz anderes als die nationale Fremderklärung der Juden in Oesterreich. Jedes Volk kann nur ein nationales Zentrum haben. Zion in Palästina — das ist allgemein verständlich, Zfon in Oesterreich wäre der bare Unverstand. Keinem englischen, französischen oder amerikanischen Juden wird es beifallen, jin England, in Frankreich, in A*merika' eine jüdische Nation aufrichten zu f wollen, weil sie [genau wiSsfen* daß in diesen Ländern alle territorialen und sprachlichen Voraussetzungen hiefür fehlen. Nur uns in Oesterreich soll es beschiedem sein, in einen verhängnisvollen nationalen Gegensatz zu dem herrschenden Staatsivolke zu treten.. Jüdische Wähler und Wählerinnen! Die verheerenden Wirkungen des Weltkrieges haben sich ,auch auf die Wiener Kultusgemeinden erstreckt. Eine Flut unglücklicher jüdischer Flüchtlinge aus den östlichen Ländern hat sich nach Wien ergossen und die öffentliche und private Mildtätigkeit in bisher noch nie dagewesenem Maße in Anspruch genommen. Neuwahlen in den Kultusvorstand konnten nicht durchgeführt werden, so daß diese Körperschaft durch Todesfälle, Austritte und Alter geschwächt wurde. Es ist nicht zu leugnen, daß der bisherige Kultusvorstand den Anforderungen dieser schweren Zeit nicht mehr gewachsen war und daß Versäumnisse und Mangel an Voraussicht die Gemeinde in arge Mißhelligkeiten brachten. Eine

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