Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 32 (1920)
- Issue
- 2 (6.1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9756662-9604760-9604761--2622-9604766- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5 Der Wahlaufruf der nicht*]üdischnationalen Parteien. Jüdische Wätlfer und Wählerinnen! Sonntag, den 27. Juni 1920 findet die Neuwahl des Wiener Kultustvorstandes statt. Ernst und eindringlich bitten wir Euch, ,an diesem Tage in Wien anwesend zu siein, und Eure Stimmen für die Liste der nicht - jüdischnationalen Parteien (Listenführer: Univ.-Prof. Dr. Alois' Pick, General - Oh. - S tab s!arz t a. D.) abzugeben. Keiner fehle an der Urne, denn diesie W,ahl bedeutet die Schicksalswende der Wiener Judenschaft, sie entscheidet darüber, ob wir weiterhin gleichberechtigte Bürger diesiesi Staates bleiben oder als Ausländer und Fremdlinge unter Ausnahmsgesetze gestellt werden' sollen! Die Jüdischnationalen verlangen die Anerkennung einer eigenen jüdischen Nation in Oesterreich. fJie christlichsozialen und deutschnali onalen Antisemiten begrüßen diese Forderung mit Jubel, denn sie bietet ihnen die willkommene Handhabe, die Juden zu entrechten und (ihnen wieder den gelben Fleck anzuhaften. In der Sitzung der Nationalversammlung vom 29. April 1920 erklärte der christlichsoziale Parteichef Kuns c h a k: „Ich danke dem Abgeordneten Stricker, daß er die Juden als einheitliches 14-Milli onenvolk biezeichnete. Sind aber die Juden ein eigenes Volk, so sind sie bei uns Ausländer und wir verlangen, daß in der Nationalversammlung' ein Gesetz beschlossen werde, welches die Rechtsverhältnisse der Juden als au s-Ländi s'ch e s Minoritätsvolkin Oesterreich zur Regelung bringt.“ Die freiwillige Abslonderung der Juden von der übrigen Bevölkerung hätte unvermeidlich ihre gesetzliche Verweisung in einen Zwarigskataster, .ihre Ausschließung vonallen öffentlichen Aemtern, die Nichterteilung von Gewerbekonzessionen und Gewerbeberechtigungen, die Zulassung zu den öffentlichen Schulen, sowie zur ärztlichjent Praxis, zur Advokatur, und zu den technischen Berufen nur nach der Prozentnorm, also etwa 2 vom1 100, zur Folge. Jüdische Wähler und Wählerinnen Wiens!! Wollt Ihr, daß bei uns dieselben Zustände einreißen, wie sie im zaristischen Rußland herrschten? Wollt Ihr, daß (unsere jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden boykottiert, daß!uns; das freie Wohnrecht beschränkt, der Erwerb von Grund und Boden verwehrt, unseren Kindern die Schulen verschlossen;und sie ausgestoßen werden aus der elterlichen Heimat? Und wollt Ihr, daß ihnen als einziger Ersiatz hiefür die hebräische Umgangssprache mit auf den Weg gegeben Werde zu dem furchtbaren Kampfe ums Dasein. Wenn Ihr all das! inicht wollt, dann wehrt Euch mit dem Stimmzettel gegen die Totengräberpolitik der Jüdischnationalen! Dann saget ihnen durch Eure Wahl, daß es eine ver-