Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 26 (1914)
- Issue
- 7/8 (Juli/August 1914)
- Date
- 1914-07-01
- Page
- Seite 21 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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21 den Juden besonders fördern wollte, da erließ sie ein Gesetz, wonach alle diejenigen Juden, die ihre Kinder in die Unterrichtsanstalten Kiews schickten, unbehelligt am Orte wohnen durften. So wohnen gegenwärtig etwa zweitausendfünfhundert jüdische Familien in Kiew nur auf Grund der Erziehung ihrer Kinder in staatlichen Schulen. Da sind nun plötzlich die russischen Verwaltungsbehörden auf den Gedanken gekommen, das seit Jahrzehnten bestehende Privileg ohne jegiiche Sanktion seitens der gesetzgebenden Körperschaften umzustoßen! Neben dieser Kategorie soll aber noch eine weit größere, diejenige der Handwerker, schon in den nächsten Wochen der Ausweisung verfallen. Denn in Kiew gibt es nicht weniger als sechstausend alteingesessene jüdische Handwerkerfamilien, die also plötzlich ins große Unglück gestürzt werden. Und womit begründen die Behörden diese Grausamkeit? Sie haben vor einigen Jahren in dem jüdischen Ansiedlungsrayon sämtliche Handwerkerinnungen mit Ausnahme derer von Odessa, Berditschew, Kischinew und Kertsch geschlossen und von den Juden, die als Handwerker in Kiew wohnen, die alljährliche Beibringung eines Zeugnisses einer Innung verlangt, durch die der Befähigungsnachweis erbracht wäre. Nunmehr gehen die Behörden noch einen Schritt weiter. Sie verlangen von jedem, der ein solches Zeugnis beibringt, den Nachweis, daß er seinerzeit, sei es vor zwanzig oder dreißig oder noch' mehr Jahren, am betreffenden Orte seine Lernzeit durchgemacht habe. So absurd auch diese Forderung ist, daß plötzlich sämtliche jüdischen Handwerker Rußlands, wenn sie vom allgemeinen Wohnprivileg Gebrauch machen wollen, den Nachweis erbringen sollen, daß sie ihre Lehrlingszeit an einem der genannten vier Orte zugebracht hätten, so sehr dies natürlich auch dem Gesetz widerspricht, so ist doch die Gefahr vorhanden, daß die Kiewer Verwaltung die widersinnige Katastrophe heraufbeschwören wird. Schon, sind zahlreiche jüdische Handwerkerfamilien auf Grund der erwähnten Verfügung ausgewiesen worden und die anderen erwarten von Tag zu Tag das gleiche Schicksal. S o werden wohl etwa vier'zigtausend jüdische Seelen Kiew verlassen müssen! Die geplante Massenausweisung bedeutet eine Heraufbeschwörung von Elend, wie es selbst in Rußland nicht alltäglich ist. Sollte die Menschlichkeit nicht noch im letzten Momente? siegen, so wird Kiew damit einen der schrecklichsten Pogrome erleben. Diese Ausweisungen bedrohen aber nicht nur die Existenz der Kiewer Juden, sondern auch die gesamte Wirtschaft des russischen Südwestens. Bukarest. (Eingabe der Juden ans Parlament.) Anläßlich des Zusammentritteis der Konstituante hat der Verband der eingeborenen Juden in Rumänien eine Eingabe an diese gerichtet, in der mit Hinweis auf die militärische Dienstleistung der Juden m den Kriegen Rumäniens gegen die Türkei und Bub g a r i e n sowie unter eingehender Darlegung der Verhältnisse, unter denen die Juden in Rumänien zu leiden haben, gebeten wird, den in Rumänien geborenen Juden die staatsbürgerlichen Rechte zu