Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 26 (1914)
- Issue
- 7/8 (Juli/August 1914)
- Date
- 1914-07-01
- Page
- Seite 8 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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8 aus ihm die Rechtfertigung des christlichen Glauben und die Bestätigung der Lehre von der heiligen Dreifaltigkeit herauslasen. Als Wirkung der kabbalistischen Lehren des Sohars und der späteren Verfechter seines Systems trat bei den Anhängern der Kabbala der Geist der Weltflucht, des Entsagens und der schweren Askese auf. Man glaubte sich Gott nur durch die möglichst vollkommene Verneinung der Lebensfreude, nur durch Abtötung alles „Tierischen“ nähern zu können. Der Kabbalist fastete einige Tage in der Woche, und wenn er aß, beschränkte er sich auf das Nötigste. Die mitternächtige Stunde fand ihn noch immer wach, wehlklagend über seine und Israels Sünden. Häufig lief er ins Tauchbad, denn des Bades reinigende Kraft soll nicht nur auf den Körper, sondern auch auf die Seele wirken, und vor allem grübelte er fortwährend im Sohar undj seinen Kommentaren, zu dessen tieferem Verständnis man aber auch nur durch konsequent geübte Askese gelangen kann. So war sein Leben freudlos, benommen von der Frucht vor der Sünde. Da trat im siebzehnten Jahrhundert ein Mann auf, der in diesen traurigen Hütten wirklich ein neues Licht anzündete, indem er das Recht zu einer nüchternen Lebensfreude zurückreklamierte. R. Israel Bai Schern war es, der Begründer der Sekte der ChasSidirn, der, wohl auch auf den Sohar zurückgehend, vor allem den Wert der Askese verringerte, und während seine Vorgänger die Wirkung des Gebetes von den ihm nach gewissen „wissenschaftlichen“ Regeln beigelegten Absichten und Vertiefungen abhängig machten, lehrte er, daß nichts notwendig sei, als sich mit Gott vereinen zu „(wollen“; und der gelehrte Kabbalist sei dem ungelehrten Frommen mit einfältigem Herzen gar nicht vorzuziehen. Ueberflüssig sei auch das viele Fasten, Selbstkasteien, nur Gott soll man sehr lieben, aber nicht bloß in abstrakter Weise, sondern dadurch, daß man seine Geschöpfe liebt und nicht bloß die Menschen, sondern auch die Tiere und die Pflanzen, denn ,„in diesen allen, ja sogar in den Steinen ist ein Funke von der Göttlichkeit eingeschlossen und es wohnt in ihnen ein Teil ihrer Seele“. So lehrte der Begründer des Chassidismus, der Vater der „Zaddikim“, der sogenannten Rebbes, ein Adept der Kabbala. Seine Nachfahren, die Wunderrabbis von heute, erheben sich gewiß nicht bis zu seiner Höhe, aber so gesunken sind sie nicht, daß sie aus der Lehre eine;r fast ipantheistisehen Universumsliebe eine Lehre des Hasses und des Mordes gemacht hätten. Die moderne Zeit mit ihrem vielen Licht und ihrer Weltbejahung verdrängt allmählich jeden religiösen Mystizismus. Wer weiß aber, wie oft sich die Kabbala noch wird verteidig^ müssen gegen die Anklage der Aufforderung zum Fremdenhaß und Menschenmord?