Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1914-03-01 · 3/4 (März/April 1914) · p. Seite 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
26 (1914)
Issue
3/4 (März/April 1914)
Date
1914-03-01
Page
Seite 23 (sequence 28)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9756662-9604663-9604664--2544-9604689
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

n Abwehr des Antisemitismus von Gneist und Rickert gegründet wurde. Ist dieser Verein denn heute noch eine Notwendigkeit? Trotzdem der Kadau-Antisemitismus wirksam bekämpft worden und die antisemitische Partei fast verschwunden ist, spielt der Antisemitismus im politischen Leben noch immer eine Rolle. Noch immer richtet er mit seiner vergütenden Agitation in Plugblättern, Schriften und Zeitschriften Verwüstungen an. Darum ist es notwendig, zu 'zeigen, was für Mäamer es sind, die jene Agitation treiben. Und 'weiter müssen wir .sehen, welche Macht der Antisemitismus im Staate hat. Nach der Verfassung sind alle Staatsbürger zur Uebernahme aller Aemter berechtigt, soweit sie die erforderlichen Kenntnissen hierfür besitzen; aber trotzdem k e i n e j ü d i s c li e n 0 f f i z i e r e ti n d R e s e r v e o f f i z i e r e! Nicht anders ist es in allen Vonvaltungen. Wo finden wir bei den Regierungen und Oberpräsidien, bei den Landratsämtern, selbst in der Steuerverwaltung irgend einen Juden? Das Recht, das unseren jüdischen Mitbürgern in der Verfassung gewährleistet ist, stellt nur auf dem Papier. Die Verfassung wird zur Lüge durch die Verwaltung, In der Justiz wird es den jüdischen Assessoren au (.Unordentlich) schwer gemacht, in Richterstellen einzurücken. Bei der Besetzung der ordentlichen Professuren bestehen die gleichen beschämenden Beschränkungen. Selbst eine derartige Leuchte vrie Geheimrat Ehrlich konnte keine ordentliche Professur an einer Universität bekommen; erst bei dem Senckenbergianum in Frankfurt a. M. ist ihm diese zuteil geworden. Es ist eine Rückständigkeit schlimmster Art, unter der wir in dieser Beziehung leiden. (Sehr richtig!) Es ist auch für den. Christen ein beschämendes Gefühl, wenn er konstatieren muß, wie in einem Staatsleben die Verfassung zur Lüge gemacht ward. Wie ist es möglich, daß ein derartiger Zustand weiter bestehen bleibt? Es liegt, an der Unfertigkeit der politischen Einrichtungen der Einzelstaaten, an der Unfertigkeit des Wahlrechts in den Einfzelstaaten; denn auf diesem Wahlrecht beruht die Bevorzugung einer einzelnen Kaste. Unser Verein ist ja ein politischer Verein an sich, aber wir müssen eintreten für die volle Gleich b e r e c li t i g u n g aller Staatsbürger ohne Rücksicht auf Religion und Rassenzugehörigkeiten, und selbstverständlich müssen wir alle Parteien bekämpfen, die ein entgegengesetztes Ziel verfolgen. Der Antisemitismus ist in andere Parteien eingedrungen; die große konservative Partei hat ihn in ihr Programin aufgenommen. Es hieße den Kopf in den Sand stecken und Vogelstraußpolitik treiben, wollten wir uns verhehlen, daß der Antisemitismus als w i r k s a m st es A' g i t a t i o n s m i t, t, e 1 d e r Kons e r v a t i v e n a u f d e m L a n d e verwendet wird. Wir wollen, daß unser Volk ein einheitliches Volk werde, in dem jeder Glaube sein Recht hat. Nicht Toleranz und Duldung, sondern gleiches Recht für alle. Nachdem Abgeordneter Kanzow einen kurzen Geschäftsbericht erstattet hatte, hielt Generalsekretär Tews-Berlin den ersten Vortrag über: ,,T r e n n u n g o d e r V e r e i n i g' u n g in J u g e n d e r z i e li u n g

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.