Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 26 (1914)
- Issue
- 3/4 (März/April 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 19 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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19 Ein Staatsbeamter als antisemitischer Hetzer. Wir haben am 24. März folgende Beschwerde an den Minister für öffentliche Arbeiten Dr. Trnka gerichtet: „Euer Exzellenz! Nach dem Berichte der hier beiliegenden Nr. 22 der „ßrüxer Volkszeitung“ vom 17. März 1914 hat auf dem am 15. März d. J. in Brüx abgehaltenen deutsch-radikalen Volkstag Herr k. k. Oberbergkommissär Dr. Wächter des k. k. Bergamtes Brüx eine in hohem Maße aufreizende Rede gegen die .luden gehalten. Es fällt uns nicht ein, die politischer! Oesinnungen des Herrn Ober-Bergkommissärs kontrollieren oder ihn gar veranlassen zu Wollen, daß er den Juden freundlich gesinnt sei. Allein es geht nicht an und wir wollen es uns auch nicht ruhig bieten lassen, daß ein Staatsbeamter in öffentlich-politischen Versammlungen eine ganze Klasse friedlicher und gewerbfleißjger Staatsbürger beschimpft und Haß und Neid gegen sie wachruft. Die Stellung eines Ober-Bergkommissärs im westböbmischen Braunkohlenrevier ist nicht nur eine sehr einflußreiche, sondern auch eine sehr instruktive; und gerade Herr Dr. Wächter könnte in dieser Stellung wohl ermjessen, in welchem Maße die Juden für den Aufschwung von Handel, Industrie, Gewerbe ünd Bergbau mittätig sind und so zur Mehrung des Volks Vermögens und des Nationalreichtums beitragen. Würde das Beispiel, das Herr Ober-Bergkommissär Dr. Wächter geboten hat, Nachahmung finden und ungerügt bleiben, dann würde zwischen den Organen des Staates und der jüdischen Bevölkerung ein Gegensatz entstehen, der den Interessen der Allgemeinheit kaum förderlich wäre. Ein öffentliches Amt: erlegt Rücksichten auf, denen sich auch Herr Ober- Bergkommissär Dr. Wächter nicht entziehen darf, nebst vielen anderen Gründen auch deshalb, weil seine materielle Existenz mit auf den von den Juden geleisteten Steuergeldern beruht. Wir stellen daher die Bitte: Euer Exzellenz wollen den k. k. Ober-Bergkommissär Dr. Wächter in Brüx durch seine Vorgesetzten darauf aufmerksam machen, welche Grenzen ihn in der Betätigung seiner politischen Anschauungen durch sein Amt gezogen sind.“ Immer wieder das Waidhofener Prinzip. Kürzlich hat sich der Strafrichter des Bezirksgerichtes Margareten mit einer Ehrenbeleidigungsklage zu befassen, welche der Hörer der Technischen Hochschule Walter Pollack gegen den absolvierten Techniker Paul Schlauer angestrengt hatte.