Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 26 (1914)
- Issue
- 3/4 (März/April 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 12 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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12 gründung: ein ihm übergebener Gefangener sei geflohen. In Wirklichkeit war er gar nicht in der Lage, diese Flucht zu verhindern, da er nur die formelle Beaufsichtigung des Häftlings hatte, die reale aber einem anderen übergeben war. Ein hervorragender Petersburger Staatsanwalt, der im Kiewer Ritualmordprozeß als Ankläger nicht auftreten wollte, wurde gezwungen, seinen Dienst aufzugeben und zur Rechtsanwaltschaft überzugehen. Der Untersuchungsrichter für besonders wichtige Angelegenheiten, Fenenko, 'war wegen seiner Gegnerschaft gegen die Ritualmordversion schon im zweiten Stadium der „Affäre“ von den Arbeiten der Voruntersuchung ausgeschlossen; jetzt lehnt es aber das Kiewer Gericht ab, ihn in verschiedenen Prozessen, die mit der „Affäre“ in Zusammenhang stehen, selbst als Zeugen zu vernehmen. Dem berühmten Psychiater Bechterew wurde infolge und während seiner Gutachtenerteilung sein Lehramt an der kriegsmedizinischen Akademie entzogen: er habe bereits die Norm des Dienstalters überschritten. Es geschah, obwohl es an derselben Akademie ganz unbedeutende Professoren gibt, die selbst zehn Jahre über die Norm hinaus dozieren, und obwohl es an dieser Akademie keinen entsprechenden Ersatz für Bechterew gibt. Anderseits wurde seiner Ernennung zum Präsidenten des von ihm ins Leben gerufenen psychoheurologischen Instituts die Bestätigung versagt. Bemerkt sei, daß dieses Institut Bechterew seine Existenz überhaupt verdankt, daß er die Mittel dafü r herbei schafft und dem Institut das erforderliche Prestige verschafft. Bemerkt sei sodann, daß er einstimmig zum Präsidenten des Instituts gewählt worden war. Die Charkower Aerztegesellschaft, eine der ältesten in Rußland, deren Anstalten mehreren Gouvernements zugute kommen, eine Gesellschaft, welche außergewöhnliche Verdienste — insbesondere im Kampf gegen Epidemien — hat, wurde wegen ihres Protestes gegen die unwissenschaftlichen Gutachten von Sikorsk1' und Kossorotow ohne weiteres geschlossen. Ein gleiches Schicksal traf die Wologdaer Aerztegesellschaft, während der Ddessaer konservative Professor Korsch wegen einer Vorlesung, in der er sich mit den westeuropäischen Gelehrten solidarisch1 erklärte und seine Ablehnung der obenerwähnten „echtrussischen“ Gutachten kundgab, mit einem schweren Verweis davonkam, nachdem ihm zuvor mit völliger Absetzung gedroht7 worden war. Einige Mitglieder der Akademie der Wissenschaften haben wegen ihrer Anteilnahme an einer Sitzung der Petersburger Psychiatergesellschaft, welche das Gutachten Sikorskis für pseudowissenschaftlich und unehrlich erklärte, von den Vorgesetzten die Mahnung erhalten, sich nicht mit „Politik“ zu