Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 26 (1914)
- Issue
- 3/4 (März/April 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 10 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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10 nationalen Abstufung in der proletarischen Arbeitsteilung einen günstigen Nährboden gefunden hat. Nach dieser Auffassung, die schon oft 'zu Boykottstreiks polnischer x4rbeiter geführt hat, sollen sich die jüdischen Arbeiter wohl an der manuellen Hausindustrie, nicht aber an der maschinellen Fabrikindustrie beteiligen dürfen. Und es muß hier offen gesagt werden: Die organisierte polnische Arbeiterschaft hat es bisher unterlassen, gegen alle diese traurigen Erscheinungen innerhalb der polnischen Gesellschaft überhaupt und der Arbeiterschaft im besonderen Stellung zu nehmen.3) Abgesehen von der prinzipiellen und humanitären Seite der Frage, bedeutet diese Passivität aber auch ein gründliches Verkennen der realen Tatsachen. Denn am schwersten trifft der Boykott in seinem Endeffekt vielleicht die Arbeiterschaft. Wenn jüdische Fabriken ihre Produktion einschränken oder gar einstellen müssen, wenn eine Reihe von industriellen und Handelsunternehmungen zugrunde geht, wenn Polen blindlings in die Arme der russischen Reaktion getrieben wird, so werden dadurch vor allem auch die unmittelbaren wie die historischen Interessen der gesamten Arbeiterschaft schwer geschädigt. Es ist unmöglich, gegenwärtig die direkten und indirekten Folgen der Boykotthetze zu überblicken. Eins aber ist bereits klar: Sämtliche Gruppen des Judentums werden stark durch sie leiden; nützen wird sie dagegen nur einer winzigen bürgerlichen Clique und höchstens noch dem tertius gaudens: dem russischen Despotismus. Sogar der polnische Mittelstand als Gesamtheit wird durch diese Art (nicht gesunden sondern hypertropischen) Protektionismus im letzten Grunde nicht gestärkt sondern demoralisiert und in seiner ferneren Entwicklung gelähmt. Der Kredit (wird eher ruiniert als nationalisiert. Die Genossenschaftsbewegung wird auf gefährliche Irrwege geleitet. Die Legende vom freiheitsstrebenden Rittervolk ist jäh zerstört, den traditionellen Sympathien der internationalen Demokratie für die Polen ist der Boden entzogen. Wie dürfte sich nun das Polentum auf das Prinzip der Gleichberechtigung der Nationen nach außen berufen, wenn es diesen Grundsatz nach innen nicht anerkennt? Und wie sollten gar die Juden es über sich gewinnen, mit der gleichen Energie wie bisher für die Autonomie Polens einzutreten, wenn sie klar erkennen, daß diese Autonomie ihnen selber den völligen Ruin bringt? Finden doch die extremen boykottistisehen Pläne heute einen starken Widerstand einzig und allein in — Petersburg. Unter dem direkten Einfluß des Boykotts ist schon heute eine bedeutende Steigerung der jüdischen und insbesondere der 4 3) Nur in Preußen haben die polnischen Sozialisten eine gegen den Boykott gerichtete Protestresolution angenommen.