Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 26 (1914)
- Issue
- 3/4 (März/April 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 9 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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9 ja tagtäglich, Toleranz und Gleichberechtigung seien platte Sentimentalitäten „sozialistischer Narren“, die Macht sei das Wesen der Dinge. Zweifellos wurde den Polen diese politische Weisheit von den Kosaken beigebracht, und in mancher Hinsicht versprechen sie sogar, ihre Lehrmeister zu übertrumpfen. Auch auf gesellschaftlichem und kulturellem Gebiet hat der Boykott Erscheinungen zutage gefördert, die eine ungeheure Sittenverrohung im heutigen Polen bezeugen. Polnische Schulen weigern sich jüdische Kinder aufzunehmen. Diese werden in den Schulen oft mißhandelt. Polnische Aerzte lehnen es ab, jüdische Patienten zu empfangen und befürworten den Boykott ihrer jüdischen Kollegen. Radikale Freidenker ä la Niemojewski veröffentlichen Artikel über den Judaismus, die direkt dem Arsenal der russischen Pogromhetzer entnommen sind. Während des ‘ßeilisprozesses war es in der ganzen Kulturwelt vielleicht einzig die polnische Presse, die offen oder versteckt über diese Kulturschmach frohlockte. Der Verband für Gleichberechtigung (!) der Frauen sowie die allgemeine Konferenz polnischer Frauen in Krakau faßten einen frauenrechtlerischen Beschluß eigener Art: nämlich am Boykott energisch teilzunehmen. Die kulturelle Hochburg des polnischen Radikalismus, der Verband Kultura Polska, relegierte aus seiner Mitte sämtliche „nicht echt polnischen“ Elemente. Und als die sozialistischen Sektionen des Verbandes dagegen protestierten, ertönte, der allgemeine Ruf: Juden und Sozialisten hinaus! Wiederum war es die russische Bureaukratie, die dem Polentum eine harte Lektion in nationaler Toleranz gab. Sie benutzte den inneren Zwiespall in der Kultura Polska, um diese wegen Politiktreibens gänzlich aufzuheben. Wir sehen also den Adel, den Mittelstand, das Kleinbürgertum, die Bauernschaft, die Geistlichkeit, die Intellektuellen, die Frauen im Boykottfeldzug einträchtig einhermarschieren, ein ungeheures Maß von Eiend und Unterdrückung anhäufen, von dem man sich außerhalb Polens schwer einen Begriff machen kann und das jeden menschlich Fühlenden tief ergreifen muß. Leider fehlt es aber selbst nicht an Beispielen, daß sich auch die nichtorganisierte Arbeiterschaft aktiv daran beteiligte. So sind in mehreren Orten (Lodz, Pabianitz) polnische Boykottstreiks wegen Aufnahme jüdischer Arbeiter in die Fabriken ausgebrochen. Und während die organisierte Arbeiterschaft in Petersburg energisch hiergegen protestierte, blieb man in Warschau recht kühl. Eine Gruppe polnischer Arbeiter antwortete sogar auf die Protestkundgebungen in Petersburg: sie werde auch fernerhin bestrebt sein, die Juden aus den Fabriken und Werkstätten hinauszudrängen. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß in dieser Boykottseuche nun auch die schon früher in der polnischen Arbeiterschaft stark verbreite Auffassung dei