Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 26 (1914)
- Issue
- 3/4 (März/April 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 7 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Entrüstung über nationale Unterdrückung; in Russisch Polen: wilde Hetzrufe gegen ein unterdrücktes Volk; diesen Januskopf zeigt das Polentum dem übrigen Europa. Und mit welchen Mitteln arbeitet es, wo es die Macht hat: Wandernde Boykottagitatoren durchziehen das Land, Pogromdrohungen, direkte Mißhandlungen, ja Brandstiftungen sind an der Tagesordnung.1) Durch diese barbarischen Kampfmethoden, durch die Ableugnung des Prinzips der Gleichberechtigung und des freien Wettbewerbs gewinnt die Boykottbewegung in Polen einen ausgesprochen hysterischen Charakter, in dieser Atmosphäre kochenden Hasses kann heute in Polen keine Idee auf eine günstige Aufnahme rechnen, die nicht antisemitisch gefärbt ist. Das Wesens verschiedene wird dabei in einen Sack getan, das Zusammengehörige getrennt. Alles ist heute in Polen antisemitisch: Freidenkertuin und Klerikalismus, Radikalismus und Feudalismus, Liberalismus und Konservativismus, Feminismus, Nationalismus, ja sogar Genossenschafts- und Kulturbewegung. Unbestritten gebührt, den Polen die Urheberschaft des sogenannten progressiven Antisemitismus oder humanen Kannibalismus und des klerikal-chauvinistischen Kooperatismus. Die Genossenschaft, einer der wirksamsten Faktoren der Solidarisierung in unserer Zeit, haben sie zu einem Werkzeug der Zwietracht und des Menschenhasses umgewandelt. Die gesamte polnische Genossenschaftsbewegung steht gegenwärtig unter klerikal-chauvinistischer Führung.2) Von den 922 Konsumgenossenschaften des Jahres 1912 in Russisch Polen waren nur 35 Arbeitergenossenschaften, darunter hatten 27 ausgesprochen antisemitische Tendenz. Also im ganzen blieben kaum 10 moderne Genossenschaften. Ein großer Teil der polnischen Kreditgenossenschaften nimmt überhaupt keine Juden auf, die anderen beschränken deren Aufnahme auf einen bestimmten Prozentsatz der Mitgliedschaft. Vor kurzem verlangten die Polen von der russischen Regierung eine gesetzliche Beschränkung der Mitgliedschaft der Juden in der städtischen Kreditgesellschaft zu Warschau. Nur durch den reaktionären Charakter der jetzigen polnischen Genossenschaft 'wurde das ökonomisch widernatürliche Bündnis des polnischen Konsumenten mit dem kleinen und mittleren Händlertum ermöglicht. Ausschlaggebend wirkt hier nicht das Interesse der Gesamtheit, sondern das Streben des polnischen Kleinbürgers, die Funktionen, die bisher von Juden geübt wurden, an sich zu reißen. Diese inner- 9 Ein Beispiel für viele: Im Dorf Pontnew ist eine jüdische Familie von 8 Personen im Feuer umgekommen. Denn Fensterläden und Türen waren von außen festgenagelt, das Feuer an allen Ecken des Hauses angelegt worden. Das ganze Dorf sah dies mit an, und keiner rührte sich, um zu helfen. In einem andern Ort ist eine wohlorganisierte Bande jugendlicher Brandstifter tätig. *) Siehe auch Bernhard: Die Polenfrage. Leipzig 1910, pag. 248f.