Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 26 (1914)
- Issue
- 3/4 (März/April 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 6 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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6 war der offene Feldzug gegen die angebliche jüdische Gefahr unvermeidlich. Ungeduldig erwartete man einen Anlaß zur Kriegserklärung. Und mit provokatorischer Schlauheit wurde bald die jüdische Provokation inszeniert: Die jüdischen Wahlmänner in Warschau, die bei der Wahl zur vierten Duma die absolute Majorität hatten, weigerten sich den offen antisemitischen Kandidaten Kucharszewski als ihren Vertreter in die Duma zu entsenden. Sie gingen gleichwohl in ihrer Nachgiebigkeit so' weit, daß sie im 1. Wahlgang für einen weniger aggressiven Antisemiten aus dem Lager Kucharszewskis stimmten, der aber nicht gewählt wurde. Danach stimmten sie, nicht etwa für einen Juden, nein, für den polnischen Sozialisten Jagello. Da ging durch das gesamte bürgerliche Polen der heuchlerische Entrüstungsschrei, der wohl vorbereitet worden war: Die Juden wollen Polen erobern. Hinaus mit den Juden! Die Maske des ritterlichen Polen wurde fortgeschleudert, und nun steht vor aller Augen mit haßverzerrtem Antlitz der kleinlich grimmige polnische Händler, der wütend und brutal gegen alles loszieht, was seinem Interesse im Weg steht; natürlich unter dem Banner des Fortschritts und der Kultur. Die Juden haben seit 600 Jahren an Polen mitgebaut? Den polnischen Handel geschaffen? Der polnischen Industrie den ganzen russischen Markt erschlossen? VTas geht das uns an! Sie sind gefährliche Konkurrenten, also müssen sie boykottiert werden. Polonisiert den Handel, den Kredit, die Industrie! Der Futterneid ist die Haupttriebfeder des Judenboykotts in Polen. Die Polen wollen aus ihren eigenen Reihen einen Mittelstand heranbilden. Niemand wird daran etwas auszusetzen haben. Schafft neue ökonomische Positionen, entwickelt die wirtschaftliche Kultur des Landes und seine Produktivkräfte, sucht durch Bildung, Organisation und Unternehmungsgeist eurem Lehrmeister, dem jüdischen Mittelstand, den Rang abzulaufen! Dazu ist aber das polnische Bürgertum viel zu träge, zu geistesarm und zu unternehmungsfaul. Man zieht es vor, bei dem ersten besten äußern Anlaß .den Weg zu gehen, auf dem am wenigsten Widerstand zu erwarten war: Man vertreibt die Juden einfach aus den Positionen, die sie sich seit Jahrhunderten errungen hatten; man proklamiert einen grandiosen unblutigen Pogrom. Nicht Eigenes bauen, sondern Fremdes zerstören: das ist jetzt die Losung des polnischen Bürgertums. Und diese Nation, die so, nicht durch eigene Leistungen sondern durch einen chauvinistischen Raubzug, andere aus ihren wohlerworbenen Positionen brutal vertreibt, wehklagt über die Germanisierung der deutschen Ostmarken durch die innere Kolonisation, die doch nicht nur nationalen Kampfescharakter hal, sondern daneben und darüber dem Ganzen der Volkswirtschaft neue produktive Werte schafft. In Posen: heilige