Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 26 (1914)
- Issue
- 3/4 (März/April 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 5 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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5 national heterogene Klasse im polnischen M irtschaftsorganismus dar. Indes, allmählich änderte sich das Bild. Der soziale Differenzierungsprozeß dringt in beide Volksgruppen ein. Die Beziehungen werden komplizierter. Zu den historisch überlieferten Reibungsursachen gesellen sich neue sozialökonomische Konflikte, die wiederum eine eigenartige nationale Färbung gewinnen. Die landwirtschaftliche Krise wirft einen bedeutenden Teil der Schlachta wie des Bauerntums in die Stadt, die freien Berufe sind bald überfüllt, der Staatsdienst ist gesperrt; es bleibt nur ein Weg: Handel und Industrie. So entsteht der Boden für das Wachstum eines polnischen Mittelstands, der früher oder später gegen die Lebenspositionen seiner jüdischen Konkurrenten anstürmen wird. Von diesem Augenblick an.sind neben den von jeher bestehenden nationalpsychologischen Momenten für einen Boykott des Judentums auch die wirtschaftlichen Vorbedingungen gegeben. Seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts spitzten sich durch den Zufluß der Juden aus den anderen Teilen Rußlands die Verhältnisse noch mehr zu. Die Ankömmlinge (sogenannte Litwaken) wurden von den Polen als Ausländer, ja als gefährliche Russifikatoren betrachtet, weil sie es wagten, ihren eigenen kulturellen Ueberlieferungen treu zu bleiben, statt sofort die polnische Sprache und Kultur anzunehmen. Der Vater des polnischen Liberalismus, Swentochowski, bezeichnte sie als „vagabundierende Ratten“, die man schleunigst und mit allen Mitteln ausrotten müsse. Es ist ein alter Vorgang der wirtschaftlichen und kulturellen Geschichte der Juden, der sich überall und immer von neuem abspielt. Nur die Art und Weise ist verschieden, und darin haben eben die Polen eine bemerkenswerte Originalität an den Tag gelegt. In dem Augenblick, in dem der werdende polnische Mittelstand anfängt die Juden als störenden Fremdkörper zu empfinden, verlangt man von ihnen, daß sie sich völlig mit den Polen assimilieren sollen. Die jüdische Oberschicht erklärt sich sofort dazu bereit und gibt sogar ein heiliges Versprechen ab, im Namen aller Polen mosaischer Konfession. Bald aber erwies es sich als Utopie, daß das Judentum im Polentum aufgehen könnte. Im Gegenteil, gerade mit dem Erwachen der breiten Massen und insbesondere mit der Entstehung der Arbeiterschaft beginnt das polnische Judentum seine alten Kulturgüter zu sichten und zu sammeln. Die Revolutionszeit hat den Polen unzweideutig bewiesen, daß die Vorherrschaft der assimilationslustigen Oberschicht des Judentums eine Einbildung ist. Jene Erklärungen der Todesbereitschaft des Judentums, denen dieser nationale Tod nicht folgte, haben nur zur Verschärfung des Konflikts beigetragen. Von nun an