Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 26 (1914)
- Issue
- 3/4 (März/April 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 4 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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4 die antisemitische Komödie Stellung genommen und erklärt: „Es klingen uns weiter die Worte entgegen: Judenliberale, juden libc~ale'Zeitungsmacher! Wir haben keine judenliberale Politik gemacht. Aber haben wir denn gar so viel Ueberfluß an bewährten deutschen Volksgenossen, daß wir solche noch hinaus werfen könnten? Wir werden uns nicht vorschreiben lassen, wen wir in unsere lteihen auf nehmen sollen.“ Das sind Worte, die man in Böhmen seit Jahrzehnten nicht mehr gehört hat und die hoffen lassen, daß es der Deutschen Fortschrittspartei ehrlich darum zu tun ist, auf dem neuen Wege zu verharren, der zu der alten, großen Tradition zurückfuhrt, aus der diese Partei hervorgegangen und der sie nur allzulange untreu gewesen ist. So befriedigend dieser Wandel der Dinge auch ist, so wenig kann es uns veranlassen, unser Mißtrauen aufzugeben und aus unserer Zurückgezogenheit hervorzutreten. Man hat zu viel und zu schwer gegen uns Juden gesündigt, man hat unseren Stolz zu tief verletzt, als daß wir auf die ersten Flammenzeichen hin gleich zu den Waffen greifen könnten. Der deutsche Landtagsverband hat sich von dem Diktat der radikalen Scharfmacher befreit; aber noch ist die Trennung zwischen Fortschritt und Reaktion nicht reinlich durchgeführt, noch steht vor allem das festeste Bollwerk gegen jede freiheitliche Regung im deutschen Volke — der Deutsche National verband. Es wird sich ja in Bälde zeigen, ob der Sturm, der jetzt durch Deutschböhmen braust, auch diese trotzigste Zwingburg zerstört. Wir haben nichts zu versäumen und können ruhig warten, bis man uns holen kommt. Dann allerdings wird das deutsche Volk sich davon überzeugen, daß die Juden Deutsohböhmens in der langen Zeit der ihnen aufgezwungenen politischen Untätigkeit das geblieben sind, was sie waren: die tatkräftigsten Verfechter jedes wahren Freisinns und die treuesten Freunde eines ehrlicher Völkerfriedens. E. F. Der Judenboykott in Polen*). Polen und Juden lebten 6 Jahrhunderte beisammen. Sie ergänzten einander. Die Schlachta war die regierende Kaste, der polnische Bauer bebaute den Acker, der jüdische Handel - und Gewerbetreibende baute die Städte. Die Juden wurden oft ins Land gelockt und protegiert: waren sie doch für alle Schichten des Polentums sozial unentbehrlich. Sie stellten eine *)Der vorstehende Artikel ist zunächst auf die Zustände in Russisch- Polen zugeschnitten, die gleichen bewegenden Ursachen dts Judenboykotts sind aber schon seit langem auch in Galizien wirksam. (Anm. d. Red.)