Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 24 (1912)
- Issue
- 12 (12.1912)
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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2 i dahin drängen, daß das ökonomische Verhältnis der österreichisch-ungarischen Monarchie zu den siegreichen Balkanstaaten neu und vernünftig geordnet werde. Ist es nicht, ein schreiender Hohn, eine blutige Ironie, daß in dieser Zeit jener Dr. Weiskirchner zum Bürgermeister der Reichshauptstädt gewählt werden kann, der als Handelsminister am meisten dazu beigetragen hat, die Spannung zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien zu verschärfen? Nun, da diese Spannung nachgelassen hat, wäre es nicht nur ein Gebot der Klugheit, sondern ein Zeichen großzügigen Erfassens der politischen Veränderungen auf der Balkanhalbinsel, wenn wir dem unseligen christlich - sozial-feudal-klerikalen Einflüsse ein Ende machen und eine Politik inaugurieren wollten, welche die Balkanländer von unserer ehrlichen politischen und ökonomischen Freundschaft überzeugen müßte. Die Kriegsgefahr besteht ja nicht mehr, und da darf sich wohl auch eine andere als die offiziell geaichte Meinung wieder hervorwagen, ohne des mangelnden Patriotismus verdächtigt zu werden. Man darf heute vielleicht doch mit einiger Hoffnung auf Gehör den Satz aussprechen, daß wir den Balkanstaaten auch etwas geben müssen, wenn wir von ihnen etwas haben wnllen. Der Verzicht Serbiens auf einen eigenen Hafen an der Adria wird nur dann ein dauernder sein, wenn wir — in größerem oder geringerem Maße — sein Vieh über unsere Grenze lassen und damit die Lebensbedingungen unserer städtischen Bevölkerungen und unserer industriellen Arbeiterschaft verbessern. Das ist das eine, das andere ist die Sicherung unseres Weges nach Saloniki. Aber mit dem Wege allein ist nicht viel geholfen, wenn wir uns nicht Saloniki selbst sichern können. Und es besteht die höchste Gefahr, daß uns dieses wichtige Ausfallstor für unseren Handel nach der Levante entgleitet, Saloniki zählt 160.000 Einwohner, von denen 80.000 Juden und nur etwa 25—30.000 Griechen sind. Die jüdische Kaufmannschaft von Saloniki unterhält die innigsten Beziehungen zu der österreichischen Handelswelt und sie stellt die rührigsten und tüchtigsten Kommissionäre und Agenten für den Absatz unserer Ware in der ganzen Levante. Nun streiten sich Griechenland und Bulgarien um den Besitz von Saloniki. Es wäre geradezu verhängnisvoll für die Saloniker Juden und für den österreichischen Handel, wenn dieses wichtige Emporium unte: griechische Herrschaft käme. Aus. der Plünderung der Judenhäuser unmittelbar nach der Besetzung durch die Griechen kann man ermessen, von welcher Feindseligkeit die Griechen gegen die Juden erfüllt sind. Begreiflicherweise, da ja die Juden als Händler ihre erfolgreichsten Konkurrenten sind. Den österreichisch-ungarischen Handel nach dem Orient könnte nun kein schlimmeres Unglück treffen, als wenn Saloniki unter^