Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 24 (1912)
- Issue
- 12 (12.1912)
- Date
- 1912-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Monatschrift der Ossterrelchisch-Israelitischen Union. 1912. Wien, Dezember Nr. 12 Oesterreich-Ungarn und die Saloniker Frage. Vernunft und Schicksal weisen Oesterreich-Ungarn nach dem Osten. Seit dem Zusammenbruche jener mittelalterlichen Staatsweisheit, welche uns kulturell und wirtschaftlich von ganz Uuropa abschließen und dennoch ganz Europa beherrschen wollte, halien unsere Staatsmänner diesen Trieb nach dem Osten in der Theorie allerdings begriffen, ln der Praxis aber stecken sie noch immer tief in den Anschauungen der francisceischen Epoche. Was hilft es, daß die Monarchie auf der Balkanhalbinsel und in der Levante seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts vielverheißende friedliche Eroberungen machte, daß die Erzeugnisse unserer Industrie die levantinischen Märkte beherrschten und Serben, Bulgaren und Rumjänen die Produkte ihrer Landwirtschaft gegen jene unseres Gewerbefleißes austauschten? Nach einem kurzen bürgerlichen, industriefreundlichen Regime gewann die klerikal-feudale Reaktion wieder die Oberhand und damit erfuhr unsere Handelspolitik eine grundstürzende Aenderung. Im Interesse unserer großen Latifundienbesitzer wurde unsere südöstliche Grenze gegen die Vieheinfuhr aus den Balkanstaaten gesperrt und damit unsere industrielle Ausfuhr in diese Gebiete unheilbar geschädigt. Unheilbar, weil sich an den freien Platz andere Industriestaaten setzten, die nie mehr zu verdrängen Sein werden. Zu dieser ungeheueren Einbuße gesellte sich auch ein nicht geringer Verlust an politischem Prestige. Unsere Kampfzölle gegen Serbien und Rumänien waren nicht geeignet, freundschaftliche Gefühle für das mächtige Donaureich zu erwecken. Wir aber taten alles mögliche, mn die ursprüngliche Mißstimmung zum Hasse zu steigern. Vergessen waren Tradition und weltgeschichtliche Bestimmung! Die auswärtige Politik nach Andrassy schmiegte sich völlig allen egoistischen Forderungen der österreichischen und ungarischen Magnaten an. Man schnürte den Agrikulturstaaten auf der Balkanhalbinsel den Hais zu und wunderte sich darüber, daß sie an der würgenden Faust, zerrten. Diese Wahrheiten müssen ausgesprochen werden in einem Augenblicke, wo die Ergebnisse des Balkankrieges gebieterisch