Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 24 (1912)
- Issue
- 10 (10.1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 10 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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10 schicke Frauenkleider auf; auch die elektrische Bahn ist mit solchen untermischt. Keineswegs sind es jetzt mehr die Gestalten, wie sie in früheren Jahrhunderten die Ghettos bevölkerten. Die jüdische Bevölkerung ist in der Neuzeit ähnlich rasch aufgestiegen, wie die Japaner. Sicherlich nicht ein Viertel aller festlich Gekleideten kennt man als Juden bestimmt heraus. Die Kultur, die alle Welt beleckt, hat auch das Judentum der germanischen Staaten voll ergriffen und körperlich und geistig nivelliert. Viele Kinder, die da an der Hand der Eltern einhergehen, haben blonde Augen und blondes Haar, kein Schimmer von jüdischem Typus liegt mehr auf ihrem Angesicht. Die Jünglinge haben nach englischer Art meist ihren Schnurrbart kurz beschnitten und sonst ihr Gesicht glatt rasiert. Ein langer Bart ist auch bei den Männern eine Seltenheit. Die Zierde des Orients, der Schmuck der Patriarchen und Propheten, ist unter der Schere des Haarkünstlers gefallen. Ueberall geht die neueste Mode um. Schwarzes, wallendes oder Kraushaar ist zur Ausnahme geworden; breites Gesicht, dicker, großer Mund, besonders lange oder krumme Nasen sind allerdings weder bei Kindern noch bei Erwachsenen als Typ jüdischer Eigenart gänzlich verschwunden, aber sie treten meist nur noch bei schärferem Zusehen in die Augen. Freilich darf nicht übersehen Werden, daß die Besucher der Synagoge am Michelsberg zu den modernen Juden gehören, die eine Orgel in ihrem Gotteshaus stehen und auch in ihren Gebräuchen sich den modernen Verhältnissen angepaßt haben, soviel es unter Aufrechterhaltung des Wesentlichen sich machen läßt. Die altisraelitische Kultusgemeinde hat eine eigene Synagoge in der Friedrichstraße 'zu Wiesbaden. Andere israelitische Gemeinschaften, besonders aus dem Orient zugewanderte, mieten sich für ihre großen Feiertage im Tisri eigene Säle und ordnen dort ihren Gottesdienst nach ihrem1 eigenen Ritus in bisher gewohnter Weise. Dort verspürt man noch eher einen Hauch des Alttestamentlichen: prächtige Männergestalten mit langem Bart und Haupthaar und herabwallenden schwarzen Mänteln, zum Teil noch die Spuren ausgestandener Leiden und Verfolgungen im bleichen Gesicht, glutäugige Frauen und Jungfrauen, halb nach Zigeunerart gekleidet, lebhaft bewegte Gruppen mit den Händen fortwährend arbeitend und laut dazu redend. Sie lassen ihrem Naturell noch freien Paß und geben sich natürlicher, Wie die am Michelsberg, die es auf das beste gelernt haben, mit vieler Selbstzucht sich in die Schranken der allermodernsten, feinen Umgangsformen einzuzwängen. Bei sonstigem Unterschied liegt aber über allen Kirchenwallern der Ernst des großen Fast- und Versöhnungstages; feierlich schreiten sie dahin, die Bücher meist offen in der Hand tragend. Es ist ihnen ernst mit ihren Gedanken an die ernsten Wahrheiten des Todes,