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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1912-10-01 · 10 (10.1912) · p. Seite 9

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
24 (1912)
Issue
10 (10.1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 9 (sequence 14)
Language
German
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9 mil heiliger Versammlung zu begehen;, jedes Geschäft ruhen zu lassen und „die Seele zu kasteien“, d. h'. vom Abend bis Abend sich jeglicher Nahrung zu enthalten. Bis auf den heutigen Tag haben die Juden diese Vorschriften auf das gewissenhafteste beobachtet. Im laufenden Jahre fiel das Versöhnungsfest auf den 2i. September. In großen Städten mit ansehnlichem Prozentsatz jüdischer Bewohner kann das Versöhnungsfest kaum an einem Bewohner unvermerkt vorübergehen. Mich führte der Weg zufällig am Freitag, 20. d. Mts., abends an der Synagoge am Michelsberg zu Wiesbaden vorüber. Es war ein Viertel nach sechs Uhr, also zur Zeit, wo bald die Sterne am Himmel erscheinen. Nicht der Schall der Posaune oder das Läuten der Glocken gibt die Stunde der gottesdienstlichen Feier an, sondern wie seit der Väter Zeiten die Sternzeichen des Himmels. Der Festtag währt hei den Juden bekanntlich vom Vorabend des Festes an bis zum Feste selbst wieder die Sterne am Himmel sichtbar werden. Es hebt sich das Volk der Israeliten beim Kirchgang heraus aus dem Volke der Christen, mit dem es sonst bürgerlich und geschäftlich vermischt ist. Die Bankiers verlassen ihre Schalter und Zahltische, der Kaufmann läßt die Läden tief herunter und schließt die Eingangspforte, die Abend - börse ist halb verödet, Vieh- und Pferdeställe der jüdischen Händler sind geschlossen und die einfallenden Märkte gering besucht. Auch die Kompagniegeschäfte mit untergeordneter christlicher Teilnehmerschaft, soweit sie unter Leitung der Juden stehen, sind geschlossen, und manchem Warenhaus mit jüdischem Chef wird es schwer verdacht, daß es ganz oder teilweise zum großen Versöhnungstag arbeiten läßt. Man muß den mannhaften Charakter der Juden hierin anerkennen; ohne Menschen furcht oder Sorge Wegen etwaiger Nachteile im Geschäft verhüllen sie ihre Läden und lassen alle Geschäfte ruhen und 'zeigen dem Publikum in der Presse auch1 an, daß „hoher Feiertage halber“ sie nicht zu sprechen seien. Sie beschämen hierdurch viele Katholiken, die, wo sie in der Minderzahl sind, vielfach sich die katholischen Feiertage nicht anmerken lassen, höchstens daß sie vielleicht in der Frühe unbesehen eine heilige Messe besuchen. Freilich ist ein weitaus größerer Prozentsatz Juden als Katholiken unabhängig im Geschäft und Arbeitsverhältnis. So kommen, die Juden also aus den Gassen und Straßen der Stadt zu Fuß zur Synagoge gepilgert. Die Männer und Jünglinge tragen fast ausnahmslos Zylinder, die Frauen sind durchweg mit feinem Geschmack dunkel gekleidet, ohne aufdringlichen Putz und Schmuck. Wohin man auch durch die glänzend erleuchteten Hauptstraßen oder im Halbdunkel liegenden Nebengassen geht, überall tauchen in der flutenden Menge festliche Zylinder und

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