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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1912-10-01 · 10 (10.1912) · p. Seite 4

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
24 (1912)
Issue
10 (10.1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 4 (sequence 9)
Language
German
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4 Wer Prag einmal, selbst noch heutigentags, gesehen hat und wer seine Geschichte kennt, wird sich darüber nicht wundern. Prag, die Stadt der vielen Synagogen, unter denen die älteste und am meisten charakteristische die Altneuschule ist, jenes finstere, düstere Gebäude aus dem 13. Jahrhundert, halb in der Erde versunken und Moderduft von innen und außen ausströmend! Selbst die kostbare Fahne, die ein Ferdinand 111. den Juden für ihre Tapferkeit bei der schwedischen Belagerung von 1648 verliehen hatte, kann diesen Eindruck nicht verwischen. Und dann der Friedhof, mit den Tausenden bemooster Leichensteine, die noch die Stammesabzeiehen, den Krug oder die Weintraube, tragen, umrankt von wuchernden Schlingpflanzen und wildem Gestrüpp, und über und über bedeckt. mit kleinen Steinchen, die Verwandtenliebe und Freundesachtung noch jetzt zum Zeichen ihres Gedenkens dort niederlegt! Und die Rabbinergasse und das alte Judenrathaus mit der sonderbaren Uhr, deren Zeiger auf dem Zifferblatt rückwärts gehen, entsprechend der jüdischen Schrift! Wer das heute noch sieht, der ahnt, daß dies der Eoden war, den die Sagen umranken, auf dem die Legenden groß werden konnten. Die Juden des Mittelalters haben nicht viel Freude erlebt; ihr Leben war Bedrückung und Verfolgung. Und was gab nun so oft den Grund zu ihrer Verfolgung? Die Anklage wegen Ritualmordes, und das ist das Thema, um das sich eigentlich ihre ganze Märchen- und Sagenwelt dreht. Ein Held, der den Kampf gegen diese schwere Anschuldigung des Ritualmordes aufnimmt, ist der oben erwähnte Magaril in Prag; alles, was er tut, sind Wunder, denn nur durch Wunder können sich die Juden durch die so fein angelegten Anklagen und Ränke und gegen die Macht ihrer Ankläger retten. Magaril ist eine geschichtliche Persönlichkeit; er lebte im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts, also in jener Zeit, wo die Juden in Böhmen, Ungarn und Spanien besonders schwer unter Verfolgungen zu leiden hatten, und wo regelmäßig zur Osterzeit das Märchen auftauchte, sie hätten einen jungen Christen getötet, um sein Blut zur Herstellung ihres Osterbrotes zu verwenden. Magaril ist nun in der Folklore der klügste aller Klugen. Aber alle Pläne der Feinde aufzudecken, ist er doch nicht imstande; dazu sind sie zu tückisch und zu fein erdacht. Er braucht einen Helfer — und nun kommen wir in das echt xMythische —, den findet er nicht unter den Menschen; ein solcher muß erst erschaffen werden, und Magaril schafft ihn, auf dieselbe Weise, wie einst Gott den Menschen erschaffen hat. Er nimmt einen Lehmkloß, formt ihn zu einer menschlichen Gestalt, und unter vielen Gebeten und vielen Singen "von Psalmen und vielem Zeremoniell haucht er jenem Leben ein. Das ist das Wesen, mit dessen Hilfe er nun seine Wunder vollbringt, er Mord

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