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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1912-10-01 · 10 (10.1912) · p. Seite 2

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
24 (1912)
Issue
10 (10.1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 2 (sequence 7)
Language
German
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2 dem Vorsitz des Barons Ginzburg alles, was zur hebräischen Folklore gehört, sammeln will. Einige Vorarbeiten, allerdings sehr bescheidener Art, findet sie vor, die gleichfalls in Rußland herausgegebene „Sammlung jüdischer Volksgesänge“ von Ginsburg und Marek (1901) und „Sammlung jüdischer Sprichwörter und Redensarten“ von Berenstein (1908). Was weiß man denn nun bis jetzt von der jüdischen Folklore? Das erörtert ein längerer Artikel in „Rußkoje Bo* gatstwo“. Alle jüdischen Märchen und Sagen haben etwas Charak teristisc'hes, das sie von der Sage der christlichen Völker weit unterscheidet. Die Juden haben, wie diese, Helden, aber Helden anderer Art. In der christlichen Sage ist der Inbegriff alles Hervorragenden der Ritter, häufig der königliche Ritter, wie Siegfried, Günther, Artus, und dieser Ritter verfügt vor allem über einle gewaltige Körperkraft, mit der er den Drachen, den Riesen, den Bedränger der Unschuld, das feindliche Volk überwindet. Die jüdische Folklore zeigt eine andere Gedankenwelt. Tapter ist auch ihr Held, auch er überwindet und vernichtet den Feind, aber nicht mit Hilfe eines starken und gewandten Körpers, sondern mit seinem überragenden Geiste. Ihre Helden können mit einem Blick ganze Legionen in Staub und Asche verwandeln; sie können mit einem Worte ganze Reiche zerstören, mit einem Gedanken die ganze Ordnung des Weltbaues ändern, ja, mit der Kraft ihres Willens selbst Gottes Rat schlösse umstoßen. Die äußeren Umstände, die solche Helden taten begleiten, haben wohl hier und da eine gewisse Aehnlichkeit mit denen der christlichen Sagenwelt. Der christliche Heid mißt im Turnier seine Körperkraft und seine Geschick lichkeit mit dem Gegner, um nach erlangtem Siege den Lohn aus schöner, vornehmer Hand, am liebsten aus der Hand der Ritualmordes. Daß der in dem „Aufruf“ vertretene Gedanke im engsten Zusammenhang mit unserem Thema steht, wird sich bald zeigen. Der „Aufruf“ will den aus dieser Wahnidee hervorgehenden, so häufigen und so entsetzlichen Pogroms, die man jetzt bei Gelegenheit des in Kiew sich abspielenden Prozesses wieder befürchtet, Vorbeugen durch Aufklärung über die Entstehung und historische Entwicklung des Ritualmordes, wie er in den ersten Jahrhunderten n. Ch. von den Heiden den Christen unterschoben wurde und dann im frühesten Mittelalter von diesen auf die Juden übersprang; er weist in den vielen einzelnen Fällen die Grundlosigkeit der Anschuldigung nach. Der russische Aufruf deckt sich in seinen Grundgedanken mit der vor wenigen Monaten auch bei uns erschienenen „Erklärung“, die von vielen Reichstagsabgeordneten, wie Kaempf, Paasche, Dove, Graf Posadowsky, Prinz zu Schönaich-Carolath, auch von Professor Strack u. a. befürwortet wird,

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