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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1912-10-01 · 10 (10.1912) · p. [Seite]

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
24 (1912)
Issue
10 (10.1912)
Date
1912-10-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Monatschrift de* Oesterreichisch-Israelitiscben Union, Nr. IO Wien, Oktober 1912. Jüdische Folklore. Seit Jakob Grimm kennen wir eine Folklore; er nennt sie freilich noch deutsche Mythologie, deutsche Hausmärchen, deutsche Rechtsaltertümer. Von Deutschland breitete sich diese Wissenschaft, die sich also mit den im Volksmuncfb kursierenden Sagen, Märchen, Legenden, Sprichwörtern, mit den religiösen Mythen beschäftigt, auf alle übrigen Kulturländer aus. Zuerst, nach England, und dort wählte man dafür den Ausdruck Folklore (das heißt Volkslehre, Volkskenntnis), der dann seiner Kürze wegen auch von uns und überall angenommen wurde. Die Engländer sahen, daß nicht nur das eigene Volk einen großen Sagen- und Märchenschatz besaß, sondern daß dieser noch viel reicher bei den Völkern ihrer überseeischen Kolonien in Afrika und vor allem in Indien vorhanden war, und so wurden denn gelehrte Gesellschaften gegründet, die die heimischen Sagen ebenso wie die fremden sammelten und wissenschaftlich bearbeiteten. Den Engländern folgte Frankreich, den Franzosen die Spanier, die Italiener, die Holländer. Sie alle besitzen ihre eigene heimische Sagenwelt, aber sie brachten auch, ebenso wie die Engländer, manches aus ihren Kolonien heim, und je mehr hier oder dort ein Volk mit Phantasie begabt ist, desto voller fließt natürlich der Born seiner Sagen. Da muß man sich wundern, daß bei einem Volke, das doch eine sehr rege Phantasie besitzt, bei dem jüdischen, wir von Folklore wenig oder eigentlich nichts gehört haben. Daß hier, wie bei anderen Völkern, Schätze lagern, ist klar; sie müssen nur gehoben werden. Zu diesem Zwecke hat sich nun in den letzten Monaten in Rußland nach dem Verbilde der übrigen Länder die „Gelehrte Gesellschaft zur Sammlung der Erzeugnisse der hebräischen Folklore“ gebildet,*) die unter *) Zeitlich mit der Begründung: dieser Gesellschaft, also vielleicht in gewissen inneren Beziehungen zu ihr stehend, fällt ein „Aufruf“ zusammen, der von den namhaftesten Dichtern, Gelehrten, Schriftstellern, Parlamentariern Rußlands an das Publikum gerichtet ist zwecks Aufklärung über die gegen die Juden so oft erhobene Anklage wegen

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