Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 24 (1912)
- Issue
- 8/9 (August/September 1912)
- Date
- 1912-08-01
- Page
- Seite 4 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Schriften des alten jüdischen Friedhofes“ überhaupt nicht aufgenommen hat und daß die von ihm aufgenommenen Inschriften wegen ihrer Unvollständigkeit, wegen der willkürlichen Auslassungen, der korrupten Wiedergabe des Textes und der totalen Mißachtung des formalen Prinzips von fraglichem Wert sind. Die historische Kommission hat eine glückliche Wahl getroffen, als sie den Bibliographen Bernhard Wachstein mit der Kaufmann 'zugedachten schwierigen Aufgabe, die Inschriften zu bearbeiten, betraute. Unter den von Alfred Landau und B. Wachstein nach den Originalen des k. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchivs herausgegebenen „Jüdischen Privatbriefen aus dem Jahre 1619“ (Wien, 1911) befindet sich ein merkwürdiger Brief, von einem , ungelehrten Mann geschrieben, der ungeschminkt die Sprache seiner Natur redet. Der Brief ist typisch für die hohe Schätzung der Gelehrsamkeit in der damaligen jüdischen Gesellschaft. Der einfache schlichte Mann, der mitten im Erwerbsleben steht, dessen Praktiken er allesamt kennt, hält seinem Sohne, der ihm durch seine Geldgeschäfte bittere Enttäuschungen bereitet, eine derbe Strafpredigt, in der er den Handel mit den verächtlichsten Ausdrücken bezeichnet. Er kann sich gar nicht darein finden, daß sein vor kurzem' verheirateter Sohn sich dem Handel, zu dem er ja später noch Zeit haben werde, und nicht dem Studium der Lehre hingibt. Notgedrungen erteilt er ihm aller dings gleichzeitig gute Ratschläge in Sachen des Geschäftes. Die Hauptsache ist ihm dies aber nicht. Diese Schätzung der um ihrer selbst willen, nicht zur Erreichung praktischer Zwecke betriebenen Gelehrsamkeit drückt auch den Inschriften, die wahrhaft menschliche Dokumente sind, den Stempel auf. Echter Inhalt des Daseins ist den damaligen ,Juden, die in einem iVusnahms'zustande leben, einzig und allein die geistige Arbeit. Wenn auch der Gegenstand ihrer geistigen Beschäftigung zumeist die von Geschlecht zu Geschlecht überlieferte und kommentierte Lehre ist, so würde man doch fehlgehen, wenn man in dem religiösen Element oder in diesem allein das Treibende und Bewegende ihres Lebens suchen wollte. Es ist vielmehr die Geistigkeit selbst, die das größte Ungemach des Lebens zu paralysieren und dessen Beherrschung zu bewirken imstande ist. Freilich darf auch nicht übersehen werden, daß dieses Wissen in ihren religiösen Vorstellungen seine Voraussetzung hatte. Die Hingabe an eine Idee ist es, die sie über das dumpfe Ghetto, in das sie eingepfercht sind, hinweghebt. Sie allein macht es begreiflich, daß Menschen, denen die sie umgebende Gesellschaft jedes Plätzchen an der Sonne versagt, nicht nur ihr Ehrgefühl nicht verlieren, sondern es vielmehr in ihrer Welt bis zur höchsten Potenz steigern, während sonst einer Minderheit das Bewußtsein des Eigenwertes durch allgemeine Miß-