Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 24 (1912)
- Issue
- 5 (5.1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 23 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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23 Sollte diese Beschwerde — wie wir nicht voraussetzen wollen — erfolglos bleiben, so 'werden wir die Tribüne des Parlaments in Anspruch nehmen. Beschuldigung des Ritualmordes, Aus Nagyszalonta wird gemeldet: Die Sarkader Bäuerin Frau Witwe Ludwig Kiss schickte unlängst ihre 6jährige Tochter Mariska in das Spezereiwarengeschäft Hermann Sae ffers, damit sie dort Einkäufe besorge. Das Kind verlor unterwegs das Geld und ging aus Furcht vor Strafe durch. Frau Kiss suchte das Kind überall und alarmierte, als sie es nicht fand, das ganze Dorf. Sie schrie laut, die Juden hätten ihr Töchterchen ermordet. Mit Heugabeln und Sensen bewaffnet, zogen nun die Dorfbewohner vor das Geschäftslokal Saeffers, drangen in das Lokal, vernichteten die ganze Einrichtung und mißhandelten Saeffer, seine Frau und Kinder auf die brutalste Art. Nur die rasche Intervention der Gendarmerie vermochte die bedrängte Familie vör dem Gelynchtwerden zu retten. Spät abends fand man das verlorene Kind in der Gemarkung des Dorfes, worauf die Gemüter sich wieder beruhigten. Das Szalontaer Bezirksgericht, vor das sich die Kiss zu verantworten hatte, verurteilte die gewissenlose Frau zu zehn Tagjen Gefängnis. Eine mißlungene rußische „Rituar-affäre, Der Versuch einiger Dunkelmänner in Kischinew, aus dem Verschwinden der 10jährigen Mariora, die als Dienstmädchen bei der jüdischen Witwfe Ohaja Kogan diente, eine Ritualmordaffäre zu machen, ist mißlungen. Das Kind ist glücklicherweise gefunden worden. Das ging so >zu. Ein Dörfler Stefan Shiner hatte seine 10jährige Tochter Mariora als Dienstmädchen in Kischinew bei der Kogan abgegeben. Am 5. März schickte die Kogan das Kind am Morgen nach Milch. Die Kleine ging fort und kam nicht wieder. Die Frau wurde unruhig, suchte das Kind, fragte den Hausknecht, den Gorodowoi und andere Personen, und als niemand Auskunft geben konnte, machte sie bei der Polizei Anzeige davon. Unterdes hatten die Hausleute, die gegen die Kogan voller Bosheit waren, den im' Hause arbeitenden Maurern erzählt, Chaja Kogan habe das Kind den Juden verkauft, weil sie Christenblut zu Matzes nötig hätten. Die Maurer gingen später in die verbändlerische Teestube „Moskwa“ und erzählten diese Geschichte. Natürlich flog das Gerücht von einem Ritualmord mit Windeseile durch die ganze Stadt. Die Juden erschraken fürchterlich. Viele wollten ungeachtet der bevorstehenden Feiertage fortreisen, andere erwar-