Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 24 (1912)
- Issue
- 5 (5.1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 17 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9756662-9604469-9604509--2382-9604528- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
17 Der Zweck dieser Zeilen ist es aber nicht, ein „Haus“ des Lebens, sondern ein „Buch“ des Lebens in den Kreis unserer Betrachtung zu ziehen. Ein Buch, geschrieben von zwei Wiener Gelehrten, für wissenschaftliche Kreise bearbeitet, doch so geschrieben, daß es, in die Hand genommen, auch die weiten Kreise der Laienwelt mit Spannung fesselt.*) Wir fühlen uns in das Prager Ghetto versetzt. An einem Freitag ist es, einem Erew Scliabbos, im November 1619, der Beginn einer sturmbewegten Zeit, des dreißigjährigen Krieges. Mit Blitzeseile verbreitet sich die Nachricht, ein Bote sei aus Wien mit Briefschaften angenommen. Und nun die Aufregung in der Gemeinde. Trotz der Kürze des Tages, trotz der Vorbereitung für den zeitlich beginnenden Sabbath werden die Briefe beantwortet, denn der Bote will wieder ehemöglichst die Rückreise an treten. Er sammelt die Briefe ein und macht sich auf den Heimweg nach Wien, doch ein Verhängnis will es, daß dem „Mercur der Ghetti Wien—Frag“ die Briefe abgenommen und zurückbehalten werden, 'da diese wahrscheinlich als staatsgefährlich erschienen. Der Verdacht dürfte durch einen Brief entstanden sein,. der einige chiffrierte Zeilen enthielt. Durch einen Nachtrag der Herausgeber ist die „Staatsgefährlichkeit“ dieses Briefes festgestellt. Es handelt sich um' eine „Partie“, einen Schidduch. Ein besorgter Verwandter empfiehlt einen „choschewen Bochur“ (kenntnisreichen Jüngling! dem Schwiegervater seines Onkels. Schließlich werden die Briefe im Staatsarchiv hinterlegt, dort schlummern sie einen tiefen Schlaf, bis obgenannte Gelehrte dieselben zu neuem Leben erwecken. Das jüdische Prager Ghetto, aber auch das von Wien, lebt hier wieder vor uns auf. Wir können die Gestalten greifen. Sie geben sich wie sie sind, mit ihren geringen Schwächen und ihren vielen Vorzügen. Sarel, Tochter des Moses, schildert ihrem Manne die Qualen, die sie erduldet ob seinfes Fernbleibens. Ist er einmal heimgekehrt, werde sie alles aufbieten, daß er nicht mehr Prag und sie verlasse. Löb Justemnitz ist in Wien „unter die Soldaten“ gefangen genommen. In Angelegenheit seiner Befreiung gehen drei Schreiben ab. Eine Schwester bittet ihren Bruder, er möge ihr die Hilfe zu der in zirka Ö Wochen stattfindenden Hochzeit ihrer Tochter nicht versagen; er sei ihre Stütze. Wohl wissen wir, daß der Brief ihn nicht erreicht hat; doch ungelöst ist die Frage, ob die Ehe der Nichte trotz Ausbleibens *) Jüdische l’rivatbriefe aus dem Jahre 1619, nach den Originalien des k. u. k. Haus-, Hof-, und Staatsarchivs im Aufträge der Historischen Kommission der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, herausgegeben von Doktor Alfred Landau und Bernhard Wach stein, Wien—Leipzig. Wilhelm Braumüller, 1911, XLlX und 13B -f- 61 Seiten, nebst acht Schrifttafeln.