Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 24 (1912)
- Issue
- 5 (5.1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 16 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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16 Neuzeit, Kochbe Ichak, Hamwasser am 9. Jan. 1850 an seinen Jamnitzer Kollegen Rabbiner David Oppenheim: „Was die Constitution nicht noch an Wunder unter uns herbeiführen wird! Der Ueberbringer dieses, Schames in Pullitz hat sichs in Kopf gesetzt, er muß auch noch als Familiant heiraten, u^wl da der Pullitzer Vorstand endlich hierin eingewilligt, habe ich ihm das nötige Religionszeugnis erteilt.“ Man sieht hieraus deutlich, daß die Menschen sich oft an die drückendste Knechtschaft gewöhnen. Die Folgen der Knechtschaft und Unterdrückung konnten erst nach vielen Jahrzehnten, bei den Enkelkindern, verwischt werden. Skotschau, den 24. April 1912. Dr. A. Marmorstein. Aus der Mappe eines Briefboten der jüdischen Ghetti Wien—Prag im Jahre 1619. Von Dr. Gottfried Freudmann, Wien. Eine religiöse Vorschrift lautet: „Wer mehr als 30 Tage einen Friedhof nicht besucht hat, spreche beim Wiederbetreten dieser Ruhestätte: Gelobt sei, der die Toten belebet.’1 Wir finden aber auch im Talmud einen Ausspruch, der besagt, weise und bedacht sei es von der Vorsehung, daß der Tote aus dem Gedächtnisse der ihn Ueberlebenden schwindet. So sehr auch diese zwei Aussprüche sich widersprechen, so sind sie doch in Einklang zu bringen. Das eherne Naturgesetz, das uns die Toten vergessen läßt, hat den Zweck, uns davor zu bewahren, uns in Gram völlig aufzuzehren. Dagegen ist das Erinnern an das Leben und Wirken unserer Vorfahren von hohem ethischen Werte. Wie sehr diese Erinnerungen von jeher bei uns eingeschätzt worden sind, beweist die Benennung des Friedhofes bei den Juden. Er führt den Namen: „Haus des Lebens, Beth ha— (Tiajim“. Der Besuch der Stätte, wo die irdischen Reste unserer Voreltern bestattet sind, weckt die Erinnerungen an deren edles Wirken, knüpft die Verbindung mit der Vergangenheit unseres Volkes von Neuem an. Entrückt von den Kämpfen des Tages, von den Hemmnissen und Widerwärtigkeiten des Alltages wenden wir uns in Bewunderung dieser Lichtgestalten vergangener Tage einer fernen, fernen Zukunft zu und träumen von der Wiedergeburt echt jüdischen Geistes und des jüdischen Volkes. Kehren wir heim und befinden wir uns wieder in der rauhen Wirklichkeit, so wirkt diese Stunde der Andacht immerhin noch nach und wir sind bestrebt, die Idöale unserer Altvordern zu den unsrigen zu machen und sie in die Zukunft hinüberzuretten.