Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 24 (1912)
- Issue
- 1/2 (Januar/Februar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 25 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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25 Die Entführung ins Kloster Im Mai 1909 verschwand?ijie 17jährige Henia Allweis', die Tochter eines jüdischen Krämers in Tarnow, spurlos aus der Wohnung ihrer Eltern. Es dauerte zwei Monate, bis es den Nachforschungen des Vaters gelang, den Aufenthalt seiner Tochter, die sich im Kloster der Felicianerinnen in Krakau befand, ausfindig zu machen, und das Mädchen insj Elternhaus zurückzubringen. Mit Hilfe der Pfarrersköchin Antonie Panek und der Wirtschafterin Franziska Karkosz war Henia zuerst nach Rudnik geflohen, wo sie in der Wohnung der Lehrerin Helene Frankiewicz Aufenthalt nahm; von dort wurde sie 'ins Kloster gebracht. Die Frankiewiqz wurde ebenso Wie die Panek und Kärkoslz vor dem Gericht, Tarnow wegen Entführung angeklagt. Alle drei stellten jede Schuld in Abrede, indem sie erklärten, sie hätten von der Absicht des Mädchens, das Elternhaus ohne Wissen der Eltern zu verlassen, nichts gewußt. Das Gericht Tarnow sprach alle drei Angeklagten freji. Das ,Urteil wurde vom Kassationshof aufgehoben und die Sache zur neuen Verhandlung ans Kreisgericht Tarnow zurückverwiesen, das alle drei Angeklagten neuerlich freisprach. Die Staatsanwaltschaft erhob die Nichtigkeitsbeschwerde, der Kassationshof bestätigte jedoch das Urteil erster Instanz. Der Ritualmord-Prozess in Kiew. Seit Jahresfrist wird die Oeffentlichkeit in Rußland durch einen Ritualmordprozeß in Kiew in Erregung gehalten. Ein gewisser Justschinsky wurde in Kiew ermordet aufgefunden. Da man den Mörder nicht ausfindig machen konnte, so wurde von den reaktionären Gesellschaften in Kiew daran gearbeitet, den Mord als einen Ri tu a 1 mo rd hinzustellen und gegen die Juden auszubeuten. Es wurde ein Jude in Haft genommen, dem in dieser Woche der Prozeß gemacht werden soll. Nunmehr hat ein bekannter Journalist, Brasil B r u s c hkowski in Kiew, ■'sensationelle Enthüllungen gemacht, zu denen er auf Grund eines umfangreichen gesammelten Materials gekommen ist. Hiernach ist der Mord das Werk einer berüchtigten Verbrecherbande, die unter Leitung des in Kiew ansässigen französischen 'Staatsangehörigen Mifle und der Verwandten des ermordeten Justschinsky steht. Für Mifle find Konsorten war die Beseitigung Justschinskys notwendig, weil dieser Kenntnis von ihrem verbrecherischen Treiben hatte und sie Verrat von seiner Seite fürchten müßten. Zwei Zeugen, die mit der Verbrecherbande in Beziehung standen, die ehemalige Geliebte Mifles, Tschebyrjakowa, und