Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 24 (1912)
- Issue
- 1/2 (Januar/Februar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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17 sönlichen Erlebnissen, daraus, daß dem einen das Weib weglief, das er liebte, dem anderen der nahende Zusammenbruch seines Volkes eigener Zusammenbruch ward. Erlebnis! Da haben wir das Wort. Das ist’s, was uns fehlt. Religion will erlebt sein. Und wollten wir an „dip' Propheten anknüpfen, ßo müßte uns das Judentum erst wieder Erlebnis werden. Das Judentum als Erlebnis! Das ist die Schicksalsfrage, vor der wir heute stehen. Der wir ins Auge blicken müssen, mit dem unerbittlichen Ernste und der großen Leidenschaft unserer Liebe zu ihm: Ist ' es möglich, daß das Judentum dem Modernen und dem Modernsten unter uns wieder Erlebnis werden kann? Da ist’s! Und meine Antwort ist eine hallendes : Ja! Um aber dies zu (erreichen, ist es nötig, daß nicht nur die zweitausend Jahre überwunden werden, in denen das Judentum zum Talmudismus erstarrt ist. Sie sind schon überwunden. Sondern vor allem, was viel schwerer ist: Daß ]der moderne liberale Talmudismus der Ethik des Judentums, der Talmudismus der konfessionellen Glaubenslehrenreligion gebrochen wird.1 Denn dies muß festgehalten werden: Als die Formen des Ritualgesetzes abgeworfen wurden, da war es, als wenn ein Joch 'brach. Aber es war das hölzerjne doch Jeremias, das fiel. Heute tragen wir das eiserne eines viel' starreren Dogmas: Das ist das Dogma eines neligionsphilo-; sophisch-ethischen Systems, das wir uns eingeschnürt in diel spanischen Stiefel der Regrifflichkeit als Religion auftischen lassen und als Judentum hinnehmen. Dieser reformerische Talmudismus muß fallen. Er muß, damit das Judentufm nicht nur seine Reform, sondern seine Reformation erlebe. Das Judentum muß wieder flüssig werden. Erlebnis ist Bewegung. Und Bewegung, das ist Religion. Erlebnis ist Schöpfung. Und schöpferisch soll Israel wieder werden. Das ist die Reformation, die ich will. Erlebnis ist Bewegung, und Bewegung ist Religion. Ei(n ewiges Ringen, Suchen, Tasten, Finden und wieder Verlieren; und wieder Gewinnen. Religion ist nie zu Ende. Immer (wieder neu. Ihre Erschütterujngen sind ihr Leben. So erlebten die Propheten, die Psalmisten ihre Religion. Da war nichts Reales um sie herum, das sie nicht in den Strom ihrer Seele hineinrissen. Sie lebten Natur, lebten ihr Volk, lebten seine Geschichte. Mit allen Sinnen und allen Kräften. Wo ist heute der Jude, dem das, was Israel erlebt, persönlichstes Erlebnis ist? Der in der Geschichte seines Volkes die Geschichte seiner Seele fühlt? Und Sin den Hoffnungen Judas seine Hoffnungen? Es könnte ihn geben. Aber ein Hemmnis ist da: Das liberale Judentum kennt kein Israel