Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 24 (1912)
- Issue
- 1/2 (Januar/Februar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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15 tums gewesen sei. Die Durchdringung der Religion mit den ethischen Gedanken, das sei die Reformation des Judentums gewesen, das sei sie noch heute. Es liegt ein Schein von Wahrheit in diesen Argumenten. In der Tat hören wir heute im jüdisch-liberalen Lager (keinen Begriff häufiger erörtern, als den der „Ethik des Judem tums“, und die „Anknüpfung an die Propheten“ scheint wirklich Programm und (nicht bloß Phrase zu sein. Wenn wir uns aber wieder auf de/n einzig möglichen, den historischen Standpunkt stellen und betrachten, wann und wie es eigentlich gekommen ist, daß die Ethik des Judentums so in den Vordergrund unserer 'religiösen Predigt geschoben worden ist, so kommen wir zu dem überraschenden Resultate, daß es wieder der Zeitgeist, die Tendenz des Zeitgemäßen war, die sie auf das Banner der Neuen geschrieben hat. Die HeTvor Lehrung der Ethik erfolgte nicht auf reduktivem, sondern auf apologetischem Wejge. Die Entwicklung des modernen Protestant tismus war es, die hier den Anstoß gab und Maßstab wurde. Der junge Protestantismus begann seine Dogmen immer mehr zu verflüchtigen und zu erkennen, daß, wie man sich ausdriickte, der Schwerpunkt der Religion in der Sittlichkeit liege. Diese Parole erweckte auch die jüdische Theologie. Den Protestantismus nähert sich dem Judentum, hieß e:s da. Wieder ein Schritt zum Gottesreich! Und als nun die zahlreichen Versuche begannen, das Wesen des Christentums als ein Wesen der christlichen .Sittenlehre darzustellen, da kam es wie eine, Reflexbewegung aug dem jüdischen Lager: Der Nachweis' wurde erbracht, daß die christliche Sittenlehre nichts andereSj sei, als ein Abklatsch der jüdischen, daß Jesus in Wahrheit nichts anderes gelehrt habe, als wass vor ihm und (mit ihm die Pharisäer alle lehrten. Der Beweis gelang. Und dann, kam Moritz Lazarus mit seinem' ersten Versuch, die; Ethik des Judentums als (System darzusteileü. Ich will hier nicht darüber streiten, ob dieser 'Versuch überhaupt gemacht wem den durfte, sondern ihm' ,'zugestehen, daß, wie er sagt, ,„diei Kontinuität in der ethischen Schöpfungsfätigikeit des jüdischen: Geistes die Berechtigung gebe, die in zahllosen Quellen zerstreute, immer nur in einzelnen Aussprüchen zur Erscheinung kommende Sittenlehre des Judentums zu einem vollständigen, geschlossenen System der Ethik verarbeitend zu gestalten.“ Aber das eine ist doch klar: die Tendenz, zur Ethik kam nicht von innen heraus, sondern wieder wie alles von außen herein. War keine Gemütsoffenbarung, die einem religiösen Bedürfnis entgegen kam, sondern nichts als Apo^ logetik. Deshalb fällt ihr religiöser Wert für uns zusammen mit dem Werte der Apologetik. Nicht, daß ich den Wert dieses theologischen Zweigjge-