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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1912-01-01 · 1/2 (Januar/Februar 1912) · p. Seite 14

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
24 (1912)
Issue
1/2 (Januar/Februar 1912)
Date
1912-01-01
Page
Seite 14 (sequence 17)
Language
German
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14 In dem Streben nach Zeitgemäßheit haben wir die religiösen Beziehungen verloren, und die materiellen Beziehungen konnten wir trotzdem nicht zu faßbarer Gegenwart machen. Sondern sie fielen in eine unberechenbare Zukunft: Die Materie wurde Ideal. Nachdem wir hundert; Jahre lang nichts; Höheres, nichts Idealeres gefunden haben als das, was unsere christlichen Mitbürger ischon besitzen, ist unsere Sehnsucht erlahmt, etwas [darüber hinaus zu wünschen, und wenn wir heute alles das erreichen würden, was jene als natürlich angeborene Rechte ihr eigen nennen, bliebe uns wahrlich nichts mehr zu wünschen übrig. In der ,Ta,t spielt im Denken der' deutschen Juden heute die Gleichberechtigung die Rolle des Gottesreiches. Wird (sie gewährt, so ist das Gottesreich da, die Prophetie erfüllt. Die Gleichberechtigung ist also ein religiöses Ideal geworden. Sie gibt heute den Gesichtswinkel an in bezug .auf das, was als zum Wesen des Judentums gehörig bezeichnet werden muß und was nicht. Sie gibt an, wie reformiert wer-! den muß und wie nicht. Sie ist der Inquisitionsrichter in bezug auf Rechtgläubigkeit und Ketzerei. Und sie ist ein Ideal, das Opfer fordert. Sie ist deri Götze, dem wir seit 100 Jahren geopfert haben, wahre Hekatomben von Menschenopfern: Charakter, Seele, alles haben wir im Kampfe für dieses materielle Ideal hingegeben. Und die Reinheit unserer Religion dazu. So erweist sich dem Einsichtigen, was wir präsumierten: daß nämlich die jüdische Reformbewegung im 19. Jahrhundert und das in ihren Bahnen wandelnde liberale Judentum nichts als Kritik brachte und nur revolutionierend wirkte. Revolutionierend in bezug auf die religiöse Form des talmudischen Judentums, revolutionierend aber auch in bezug auf den uranfängjlichen Gehalt unserer Religion. Von einer Selbstbesinnung^ einer Reduktion, einer Wiederbelebung biblisch-religiöser Werte war keine Rede. Da;s liberale Reformjudentum unserer Zeit ist ein frei in der Luft schwebendes, aller historischen Wurzeln entbehrendes Gebilde. Es entspricht nur einer einfachen Gerechtigkeit, wenn wir die Einwände hören, di,e das bewußte, liberal-reformerische Judentum auf diese Behauptungen zu machen hat. Es sei nicht wahr, vernehmen wir;da, daß die Reform, wie sie von Geiger und Holdheim inauguriert worden äst, nichts als zersetzende, Kritik gewesen sei. Besonders Holdhehn sei es gewesen, der immer wieder betont habe, daß die Reform nichts anderes als eine Anknüpfung -an jda.s biblische Judentum sein solf. So sei die Reform in der Tat Reduktion und damit Reformation gewesen. Und würde die positiv schöpferische Kraft des Reform-Rudentums bezweifelt, iso genüge der Hinweis auf die Ethik des Judentums, die immer schärfer, immer ausschließlicher betont zu haben das Verdienst eben des Reformjuden-

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