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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1912-01-01 · 1/2 (Januar/Februar 1912) · p. Seite 13

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
24 (1912)
Issue
1/2 (Januar/Februar 1912)
Date
1912-01-01
Page
Seite 13 (sequence 16)
Language
German
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13 wahrhaft Zeitgemäße zur Herrschaft erheben.“ Per das sagte,; war kein Erster Bester, (sondern der Größte nach Mendelssohn: Leopold Zunz. Das Zeitgemäße war das Vernünftigei, und die Vernunft oder was man dafür hielt, wurde der Maßstab, an dem die Religion sich messen mußte und an dem ihr die Flügel gestutzt wurden. Das „Zeitgemäße“. Dieses Wort beweist, daß das, was’ Zunz und sein Kreis wollten und schufen, keine Reformation, sondern nur eine Reform war,. Diese Reform wirkte zunächst revolutionär in bezug auf die alten Formen. Denn diese waren es, denen der Vorwurf des Nichtzeitgemäßen zu allererst galt. Aber sie wirkte auch revolutionär in bezug auf die Ideen. Revolutionär, d. h. nicht reformntorisch. Es fand keine Re-* duktion statt. Im Gegenteil: Da der Maßstab des Zeitgemäßen nicht bloß an die äußeren Formen, sondern auch an den inneren Gehalt des Judentums gelegt wurde, so konnte diese Reform höchstens 1 auflösend wirken, konnte keine Zurückführung auf den ursprünglichen Kern des Judentums, keine Wiederbelebung und keine Wiedererlebung; der Vergangenheit erfolgen. Alles Reformieren ging vielmehr auf die Gegenwart oder, wie es sich leider später herausgestellt hat, auf die Zukunft. Dieses Reformieren hatte nämlich noch einen materiellen Untergrund: die erwartete Gleichberechtigung: Deshalb lag in dem Begriffe „zeitgemäß“ unbewußt noch ein anderer verborgen: „emanzipationsgemäß“. Man änderte das Judentum nicht etwa bloß gemäß den ästhetisch-formalen Bedürfnissen' der Zeit, sondern auch1 'gemäß den materiellen Erwartungen.! Die religiöse Reform war halbbewußt gleichzeitig politische Spekulation. Und diese Spekulation ist mißglückt. Die Entwicklung des Judqntum's im 19. Jahrhundert ist daher ein> einseitiges Kreditgeschäft 'geworden, wo wir bar und teuer, nämlich mit religiösen Idealen, zahlten, aber dem Staate stundeten, wo wir Kredit gewährten, aber selbst keinen Kredit, genossen. Wir ließen uns auf ein Abzahlungsgeschäft ein, in welchem wir hohe Werte hingaben und trotzdem weder den Schuldner haftbar, noch die * Werte pücknehmbar machen konnten. Diese Emanzipation auf Abzahlung ist das Entsetzlichste, was: das Judentum1 in den letzten Jahrhunderten erlebt hat. Einen „Tachlismenschen“ nennt der Jude einen, der in allen Dingen immer nach dem materiellen Zweck und Ziel fragt. Es blieb den Juden des' 19. Jahrhunderts das zweifelhafte Verdienst erspart, eine „Tachlisreligion“ geschaffen 'zu. haben. Das unreelle Geschäft, in dem wir materielle Dinge mit dem Kaufpreis hoher Ideale erwerben wollten, hat sich mit einem moralischen Bankrott gerächt.

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