Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 24 (1912)
- Issue
- 1/2 (Januar/Februar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Elemente ist, daß das ursprüngliche Erlebnis überhaupt zurücktritt, und die äußeren Gebilde leicht den Inhalt überwältigen. Der Schlamm der Jahrhunderte, der überall wirksam ist, verschont eben auch die Religion nicht. Von Zeit zu Zeit nun erleben wir, und zwar wieder in jeder bedeutsamen Religion, sog. Reformationen. Man muß sich diesen Regriff klar machein. „Jede wirklich bedeutende Reformation in der Geschichte der Religionen ist stets kritische, Reduktion“ (Harnack). Sie ist erstens kritisch, indem sie die Religion vom Schutte des Fremden und vom dürren Laube der schließlich alles bedeckenden und das reine Leben erstickenden Formen reinigt; zweitens ist sie Reduktion, insofern als sie! die Religion auf (sich selbst und ihren wahren ursprünglichen Gehalt zurückführt. Reformation bedeutet ein Sichbesinnen, ein Wiedererleben der Urgeschichte, ein zum zweiten Male Schaffen, was( feinst geschaffen worden war. Das Erlebnis' kennzeichnet jede Reformation. Der Reformator ist gewissermaßen eine neue Geburt des Stifters. So war der Prophet Elia ein echter Reformator, indem qr mit klarem Bewußtsein an Moses anknüpfte und 'zum1 zweiten Male eine sinaitische Offenbarung erlebte. So Luther, indem er seinerzeit das Evangelium erneuerte. Und das ist das Wesen aller Reformation: Nicht Neuerung, Sondern Erneuerung'. Um die Wende des 18. Jahrhunderts erlebte das Judentum eine Umwandlung, die von vielen als eine solche Reformation hingestellt wird, von uns aber nur als Refopm angesprochen werden kann. Kritik und Neuerung waren da, Reduktion und Erneuerung aber fehlten. Als Moses Mendelssohn damals schrieb, daß sein Judem tum in hohem Grade mit seiner Vernunft vereinbar sei, da war es noch nicht die kantische Vernunft, von der ,er redete, sondern es war der gesunde Menschenverstand, den er auf; den Thron des Gewissens setzte, um zu entdecken, daß seine Religion mit der vollsten Gewissensfreiheit sich vertrage. Es war eine Auseinandersetzung mit der Zeitphilosophie,, zu deren würdigsten Vertretern auch er gehörte. Er bewies, daß sein Judentum zeitgemäß, d. h. seiner Zeit gemäß war, und dieser Beweis glückte. Was Moses Mendelssohn für seine eigene Person gefunden hatte, was aus seinem eigenen Leben, dem Leben eines? Philosophen, erwachsen war, das wurde das öffentliche Pro? gramm derer, die ihm folgten. Mendelssohn fand seine Religion mit all ihren Zeremoniegesetzen in Uebereinstinnnung mit dem Zeitgeist, seine Nachfolger fanden das nicht mehr. So nahmen sie den Zeitgeist als festen Pol und paßten jhm in seiner jeweiligen F.ortn’ ihr Judentum an. Man lief dem; Zeitgeist nach. Reformieren hieß und sollte heißen: „Das