Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 24 (1912)
- Issue
- 1/2 (Januar/Februar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9756662-9604469-9604470--2330-9604476- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 Die Geschichte ist eine Art Orakel zur Belehrung und Warnung der kommenden Geschlechter. Ein nach Millionen zählender Teil unseres Volkes, der unter der Bezeichnung Hellenisten bekannt, hat bekanntlich das Hebräische im Religionsunterricht und in der Liturlgie ganz aufgegeben. Was ist aus ihm geworden? Er ist kläglich untergegangen und spurlos verschwunden. — Man wird sagen: durch außerordentliche Schicksalsschläge — die hätten aber sicher nicht so verheerend gewirkt, wenn er nicht den Zusammenhang mit dem übrigen Israel verloren hätte. — Gegen das in;Schule;un'd Gotteshaus obligatorische Hebräisch werden gar ai\ge Anklagen erhoben: Der Herr Wortführer erzählt von »den großen Verlegenheiten, die ihm und seinen Brüdern, als sie anläßlich ihrer Konfirmation zur Thora gerufen wurden, djas Hersagen der üblichen Benediktion bereitet hat, und sagt: „Mühsam stotterten wir dann im Tempel, ohne uns der ethischen Bedeutung des Augenblickes gewahr zu werden, ohne jede Begeisterung diese Worte hervor, stockten, so daß uns die andern die Worte zuflüstern mußten, und wir dankten erst dann, und zwar in deutscher Sprache, als wir die Sache überstanden hatten.“ Ueber seine Trauung, die er als eine zwangsweise Prozedur aufgefaßt, äußert er (sich mit »den Worten: „Xoch störender wirkte auf mich in späterer Zeit., anläßlich der Hochzeit, der Umstand, daß ich in der weihevollen Stunde meiner Trauung, unter dem Traualtar stehend, bemüßigt war, dem Vorbeter mir gänzlich unverständliche Worte nachzusagen; erst sträubte sich mein männliches Gefühl dagegen, daß ich, wie ein Kind, Worte nachsagen mußte, die mich in meinem Denken und Empfinden direkt störten und irritierten, da ich sie nicht verstand.“ Daß viele Eltern ihre Kinder vor dem sechsten Lebensjahre taufen ließen, soll hauptsächlich auch geschehen sein, um dieselben vor der Plage des Erlemens des Hebräischen zu bewahren. Ebenso wird der Umstand, daß von allen jüdischen Kindern des Hauses, in dem er wohnt, nur noch die seinigen an dem jüdischen Religionsunterrichte teilnehmen, während die anderen entweder evangelisch oder katholisch sind, dem obligaten Hebräisch zur Last gelegt. So soll auch die traurige Tatsache, daß m einer Schule von 28 jüdischen Schülern 26 den christlichen Religionsunterricht besuchen, auf den hebräischen Unterricht zurückzuführen sein. Es sollen sogar Leute, die sich als konfessionslos erklärt, „ehrlich“ bekannt haben, daß sie unwahr gegen sich und ihre Umgebung handeln würden, wenn sie ihnen unverständliche Gebete im Tempel hersagen würden, und daß sie aus dem Grunde ausgetreten. Kurz, es ist ein Unheil ohne Grenzen, woran das Festhalten an der Sprache unserer Bibel schuld sein