Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 24 (1912)
- Issue
- 1/2 (Januar/Februar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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5 Die Idee von dem großen Wohltätigkeitsverein ist edel und gut, aber so alt, daß sie schon in den Zeiten, wo dip Säuglinge an den Mütterbrüsten ein klassisches Hebräisch gesprochen, nicht mehr meu gewesen; warum soll das Hebräische Kindern und Erwachsenen ganz und gar unverständlich sein müssen, damit sie realisiert werde? Zwei Bindemittel halten überhaupt stärker, und die angeführten sollten gar ineinandergeschlungen bestehen. Ueberdies darf es als Regel gelten, daß jene Israeliten, welche das Schema und wie die Herren schreiben die Brochen und ähnliche Sätze lesen und verstehen gelernt, gleichviel ob sie sonst gebildet oder ungebildet sind, .(für jdie russischen, galizischen und rumänischen und andern Glaubensbrüder, die ihnen kulturfremd sind, ein viel regeres Gefühl haben, als jene, die von dem Hebräischen nichts wissen wollen, weil dessen Gebrauch für das praktische Leben keine .Nutzanwendung aufweist. Das erklärt isich [durch den Umstand, daß die gemeinsame Gebetsprache, in der das Leid da und dort zum Himmel schreit, einen Widerhall hat, der die Herzen zur Hilfsbereitschaft stimmt. Es darf auch nicht übersehen werden, daß die hebräische Sprache das gegenwärtige Israel mit dem der Vergangenheit, ja mehr denn alles, mit dem seiner glorreichsten Vergangenheit, verbindet. Wer wollte behaupten, daß jenes Gemeingefühl, das zu einer über Staat- und Kulturgrenzen ausgiebig hinausgreifenden Wohltätigkeit unerläßlich, ohne irgend welchen Gebrauch! derselben, in genügendem Maße vorhanden wäre?! Und wenn man von alldem absehen wollte; ist eine Sprache, in der ein Moses geschrieben, ein Jesaias gesprochen und einl Asaf gesungen, nicht wert, daß unsere Jugend doch fetwasi von ihr weiß? Soll ihr die auf den Grabsteinen ihrler Eltern, Voreltern und Ahnen zu lesende Schrift ganz und gar unbekannt sein? Oder soll ihr die Möglichkeit benommen werden,, zu wissen, was das „Schema Isroel“, unter dem die Millionen Märtyrer ihres Stammes und Glaubens ihre Seelen ausgehaucht, zu bedeuten gehabt und noch bedeutet? Pietät ist denn doch etwas, das einen Wert hat, wenn sie sich auch nicht in Geld* Rang und Ehre umsetzen läßt, und unserer Bibel- und Gebet-' spräche gegenüber, zumal wo die Jugend in Betracht kommt, sehr am Platze. — Es darf auch nicht [übersehen werden, daß gerade die schönsten, edelsten und erhabensten Begriffe unserer Religion in keiner anderen Sprache der Welt so prägnant und ins Gemüt greifend ausgedrückt zu werden vermögen, wie im Hebräischen. AVer nur etwas von ihr versteht und unsere heiligen Schriften liest, muß das zugeben. Es hieße wahrlich den Teufel durch den Beelzebub austreiben, wenn man der Abfallsbewegung durch einen solchen Bruch [mit der Vergangenheit unseres Volkes und seiner Andachtsweise begegnen wollte.