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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1911-11-01 · 11 (11.1911) · p. Seite 28

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
23 (1911)
Issue
11 (11.1911)
Date
1911-11-01
Page
Seite 28 (sequence 40)
Language
German
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28 solut nicht ging. .Wenn diese Leute nicht etwas zu hören bekommen, wovon sie tüchtig gerührt wurden, so hatte die ganze Trauungszeremonie keinen Wert für sie, und ein Prediger, der ihren A/ugen nicht Tränen zu entlocken verstand, der taugte bei ihnen nicht viel. Der Grad der Rührung, welche er hervorrief, war auch der Gradmesser für die Fähigkeit eines Redners. Wenn ich mich für meine Person auch über den gebräuchlichen Humbug hinwegsetzen wollte — einige, die Tränendrüsen der andächtigen Zuhörerschaft beeinflussende Worte mußte ich doch einfließen lassen. Um dies zu können, mußte ich in die Verhältnisse des Brautpaares einigermaßen eingeweiht sein. Da bekam ich folgende seltsame Geschichte zu hören: j Der im jugendlichen Alter von 68 Jahren stehende Bräutigan/ hieß Pollak. Dies ist wohl nichts auffallendes. Denn der Name Pollak ist bei den böhmischen Juden so verbreitet, daß es wohl keinen von mehreren Juden bewohnten Ort daselbst gibt, wo nicht ein oder mehrere Vertreter dieses Namens domizilieren; er war Glasiermeister. Auch nichts rares. Denn, wenn man vor Jahren mit einem Jungen nach der Barmizwah nichts anzufangen wußte, gab man ihn zu einem Glasermeister in die Lehre, welches Gewerbe eines der wenigen Handwerke war, welches den Juden der damaligen Zeit zugänglich war. So kam es, daß das edle Glaserhandwerk meist in den Händen der Juden war, welche mit dem spröden Material, welches1 bekanntlich 'eine große Aehnlichkeit mit dem Glücke besitzt — seine Zerbrechlichkeit, gut umzugehen wissen. Auch war er Witwer. Selbst daran ist nichts Auffallendes. Gibt es denn nicht viel jüjngere Witwer? Warum sollte ein 68jähriger Mann nicht das Recht haben, eine Lebensgefährtin zu betrauern? Das Seltsame bei der Sache war aber das: Der verwitwete Glaser Markus Pollak hätte am Lagbeomer Tage vor gerade 40 Jahren seine Base Hindel Kafka heimführen sollen. Alles war zur Hochzeit bereit. Jedoch zwischen Becherrand und Lippen liegen bekanntlich $roße Klippen, woran auch die gescheitem Schiffer gerne scheitern. Bräutigam Markus konnte wohl in der Höhe eines Fenstersimses gefahrlos balanzieren, wenn er eine Glasscheibe einzusetzen hatte, aber als Schiffer gefährliche Klippen zu umgehen, dazu war er nicht geübt genug. So erlag er den Einflüsterungen seines Schulnachbars Berl Schadchen, der ihn veranlaßte, sein Bäschen stehen oder vielmehr sitzen zu lassen, und sich eine andere von ihm vorgeschlagene Braut zu nehmen. Hindel Kafka besaß außer ihrem hübschen Gesichtchen und den prachtvollen braunen Zöpfen, die bald unter der Schere der Unter-

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