Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 23 (1911)
- Issue
- 11 (11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 26 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9756662-9604407-9604408--2289-9604442- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Im Falle dieser Kreisrabbiner eine ihm gebührende Trauung wegen anderweitiger Verpflichtung nicht vornehmen konnte, oder. daß sich die Vornahme dieser Funktion der größeren Entfernung wegen zu kostspielig gestaltet hätte, stand es ihm frei, einen ihm vorgeschlagenen befugten Lokalrabbiner zur Vornahme des Trauungsaktes zu delegieren. Dasselbe konnte auch ein Lokalrabbiner tun und pflegte dies namentlich dann zu erfolgen, wenn vor oder nach einer Fastenzeit, in welcher Hochzeiten verboten sind, mehrere Hochzeiten an einem Tage, doch an verschiedenen Orten stattfinden sollten. II. ’ Ein solcher Tag war der Lagbeomer jeden Jahres, wenn er nicht an einen zur Abhaltung von Hochzeiten unbequemen Tage fiel. Der Lagbeomer war nicht nur ein Fest für die Schüler, welche ihn als Ferialtag freudig begrüßten, er war ns hie und da auch für deren Lehrer, wenn diese Rabbinatsbefugnis besaßen, weil sie da gewöhnlich eine oder mehrere Trauungen zu vollziehen hatten. Auch ich pflegte an diesem Tage auf diese Weise beschäftigt zu,sein. An einem Lagbeomer, der sechziger Jahre geschah es, daß in meiner Gemeinde keine Vermählung stattfinden sollte und ich auGh nicht nach auswärts bestellt war. Ich war sehr ärgerlich darüber, und selbst die freundlichen Worte meiner Frau, welche sich sonst beruhigend auf mein Gemüt legten, wenn des Schicksals Tücke oder böse Menschen es in Aufruhr brachten, selbst diese klugen Worte vermochten mich nicht ganz über meine Enttäuschung hinwegzubringen. Erst der Jubel der Kinder beim Ansichtigwerden des gebräuchlichen Pflaümenkuchens am Frühstückstische konnte mir ein zufriedenes Lächeln entlocken. Um vollends meine schlechte Laune zu bannen, machte ich den Kindern den Vorschlag, mit ihnen einen Spaziergang in den nahen Wald zu machen, die Maiensonne schien so herrlich zum Fenster herein, daß ein Verweilen in der dumpfen Stubenluft fast Sünde zu sein schien. Die Kleinen sprangen freudig im Zimmer herum, doch sollte ihre Freude für dieses Mal zu Wasser werden. Ein Wägelchen, -mit einem dürren Klepper bespannt, hielt vor unserer Türe, und herab sprang ein alter Mann, dem man aber das Bestreben ansah, noch jugendlich zu erscheinen. Da niemand außer uns das ebenerdige Häuschen bewohnte, galt dieser Besuch offenbar mir. Herein trat der Alte. Als er mich im Zimmerr zum Ausgehen bereit, erblickte, rief er anstatt des üblichen Grußes aus: „Gott sei Lob und Dank, daß ich Sie noch zu Hause treffe!“